US-Präsident Donald Trump hat die meisten Analysten und Anleger – und angeblich auch die chinesischen Regierungsbeamten – offensichtlich auf dem falschen Fuß erwischt, als er den Handelskrieg per Tweet eskalieren ließ. Lars Skovgaard Andersen, Investmentstratege bei Danske Bank Asset Management, schreibt in einem aktuellen Kommentar. "Die jüngste Eskalation kam überraschend. Denn wir waren davon ausgegangen, dass Amerikaner und Chinesen im Laufe der zweiten Jahreshälfte 2019 ein Handelsabkommen treffen würden."

Das habe sich mit den jüngsten Entwicklungen jedoch definitiv geändert. Der Däne hält daher drei Zukunftsszenarien für möglich. "Zwei davon besagen, dass es vor der US-Präsidentschaftswahl im November 2020 kein Handelsabkommen geben wird", so Skovgaard Andersen, der die Wahrscheinlichkeit für diese beiden Szenarien zusammengefasst bei 60 Prozent erwartet. "Deshalb ist unser Hauptszenario, dass die USA und China erst nach der Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr ein Handelsabkommen erzielen werden."

Die drei Szenarien der Danske Bank AM im Detail:

Das gute Szenario (Wahrscheinlichkeit: 40 Prozent): Noch vor der Präsidentschaftswahl wird eine Einigung erzielt.

Das Weiße Haus hat trotz der jüngsten Eskalation die Tür für ein Handelsabkommen noch nicht vollständig zugeschlagen. Donald Trumps Wirtschaftsberater Larry Kudlow besänftigte die Chinesen zuletzt und blickte optimistisch auf die anstehenden Verhandlungen mit chinesischen Wirtschaftsvertretern im September in Washington. Des Weiteren erklärte er, dass der US-Präsident mit den Zöllen flexibel sei. "Das zeigt uns, dass die Amerikaner letzten Endes weiterhin ein Handelsabkommen gegenüber einer Situation ohne Abkommen bevorzugen", so der Investmentstratege.

Das schlechte Szenario (Wahrscheinlichkeit: 35 Prozent): Der Handelskrieg zieht sich in die Länge, eskaliert aber nicht.

Unsicherheit sei immer Gift für die Finanzmärkte, und gegenwärtig seien die beiden Parteien augenscheinlich sehr weit voneinander entfernt, so Skovgaard Andersen. Ein absolut denkbares Szenario sei: Die aktuelle Situation zieht sich in die Länge, eskaliert aber trotz der harten Rhetorik nicht. "Was den US-Präsidenten anbelangt, kann ihn eine nachhaltige Schwäche der US-Wirtschaft und der Aktienmärkte als Folge des Handelskrieges von neuen Sanktionen gegen die Chinesen abhalten", so der Analyst. In den vergangenen Jahren habe er immer wieder die starke US-Wirtschaft als Nachweis seines großen Erfolgs als Präsident hervorgehoben. Gegenteilige wirtschaftliche Rahmendaten bei einer sich konsolidierenden oder sogar rückläufigen Konjunkturentwicklung könnten ihm somit das wesentliche politische Fundament entziehen.

Das grausame Szenario (Wahrscheinlichkeit: 25 Prozent): Trump setzt im Handelskrieg alles auf eine Karte.

Skovgaard Andersen hält es für nicht ausgeschlossen, dass Donald Trump eine weitere Eskalation des Handelskriegs beschließt. "Vielleicht ist er der Meinung, dass er bei seinen Wählern auf den größten Rückhalt stößt, wenn er so hart wie möglich gegen China vorgeht", so der Experte, "oder dass er, wenn er mit neuen Sanktionen alles auf eine Karte setzt, China dazu zwingen kann, seinen Wünschen und Forderungen nachzugeben." Verfolge Trump diesen Weg, könne die Weltwirtschaft in eine Rezession stürzen. "Und genau diese massiv negative Auswirkung ist das stärkste Argument gegen die Möglichkeit, dass Donald Trump diese Lösung wählt", ist der Däne überzeugt. "Denn klar wäre in solch einem Fall: Auch die US-Wirtschaft und der US-Aktienmarkt würden stark beeinträchtigt." Doch vielleicht überschätze Trump die Stärke der US-Wirtschaft und den politischen Gewinn, den er durch die Demonstration eines harten Kurses gegenüber den Chinesen erzielen könne.

Geringe Übergewichtung in Aktien wird beibehalten
Obwohl die Strategen von Danske Bank AM das dritte Szenario fürchten, sei das nicht die Entwicklung, die sie erwarten. "Es besteht eine viel größere Wahrscheinlichkeit für eine Besserung oder eine Beibehaltung des Status quo im Laufe des kommenden Jahres", so Skovgaard Andersen. "Deshalb haben wir in unseren Portfolios auch weiterhin eine geringe Übergewichtung in Aktien und eine entsprechende Untergewichtung in Anleihen."

Trotz des Handelskriegs gehe sein Institut momentan weiterhin von einem vernünftigen Wirtschaftswachstum aus, das den Unternehmen akzeptable Gewinne sichern werde – vor allem, weil die Zentralbanken die Wirtschaft weiterhin mit einer lockeren Geldpolitik unterstützten. (hh)