Hans-Werner Sinn, emeritierter Präsident des Münchner Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, scheut sich nicht, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Auf dem Höhepunkt der Eurokrise vertrat der Ökonom die Meinung, dass ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion für beide Seiten die bessere Lösung gewesen wäre. Nun, in der zweiten Phase der Corona-Krise, erinnert er daran, dass das Verschuldungsproblem einiger europäischer Peripheriestaaten abermals ins Blickfeld geraten könnte. 


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Zwar befürwortet Sinn die Maßnahmen der deutschen Regierung, mit dem "Whatever it takes" haben sie es seiner Meinung allerdings übertrieb. "Deutschland hat durch Ausgaben des Staates und Kreditbürgschaften über 1.000 Milliarden Euro oder 30 Prozent des BIP bewegt. Das kommt mir angesichts der von den Instituten prognostizierten Schrumpfung der Wirtschaft gigantisch vor. Plötzlich ist in der Panik das Maß verloren gegangen", so Sinn. 

Auch für den Top-Ökonomen steht fest, dass es in der Eurozone dieses Jahr zu einem massiven Wirtschaftseinbruch kommen wird. Länder wie Deutschland und Österreich können laut Sinn allerdings mit einem blauen Auge davonkommen, weil ihr Gesundheitssystem und die Disziplin ihrer Bevölkerung eine baldige Rückkehr in das Erwerbsleben erlauben. "Allerdings ist Deutschland dabei, sich durch die total überzogenen Rettungsmaßnahmen selbst zu schädigen."

Schattenhaushalte in Form von Fonds
Und auch für die gesamte Eurozone prognostiziert Sinn einen deutlichen Anstieg der Verschuldung: "Allerdings wird sie über die geplanten Schattenhaushalte in Form von Fonds gar nicht gemessen. Die EU darf sich gar nicht verschulden. Und doch tut sie es über die Europäische Investitionsbank, den Rettungsschirm ESM, den Juncker-Fonds, den Fonds mit dem Namen "Sure" für das Kurzarbeitergeld und den Wiederaufbaufonds, von dem nun die Rede ist, wobei völlig unklar ist, was hier wiederaufgebaut werden soll. Die Mittel werden vor allem für Verstaatlichungen von nicht mehr wettbewerbsfähigen Unternehmen und für die Rettung der Gläubigerbanken verwendet werden. Von Wiederaufbau kann nicht die Rede sein."

Vor allem die bereits hoch verschuldeten Länder wie Italien fordern zudem nun Euro- beziehungsweise Corona-Bonds. Deutschland und Österreich sprechen sich derzeit dagegen aus. Auch Sinn hält nicht viel von Corona-Bonds und erklärt: "Wenn die Großschuldner keine höheren Zinsen als die Sparsamen zahlen, dann fehlt die Schuldenbremse in Form wachsender Zinsspreads, ohne die eine Föderation nicht überleben kann. Corona-Bonds sind der Einstieg in Eurobonds, und Eurobonds sind das sichere Rezept für eine Schuldenlawine."

Atmende Währungsunion als Lösung
Die Befürchtung, dass die Coronakrise eine neue Eurokrise auslösen könnte, teilt Sinn durchaus. Zwar wird das Problem durch immer mehr fiskalische Gemeinschaftshilfen in Schach gehalten. Die Krise verlagert sich laut Sinn dadurch jedoch von den Finanzmärkten in die Staatsbudgets. "Die Konsequenz ist ein wachsender Generationenkonflikt nebst einer Steuerquote, die schädlich für die Wirtschaft und den internationalen Standortwettbewerb ist", erklärt der ehemalige Ifo-Chef. Sinns Lösung wäre eine atmende Währungsunion. Länder, die zu teuer geworden sind, könnten so aus dem Euro ausscheiden, abwerten, dadurch wettbewerbsfähig werden und nach ein paar Jahren der Stabilisierung erneut Mitglied werden, dann aber zu einem anderen Wechselkurs. (gp)