"Short ist Mord", lautet eine alte Börsenweisheit. Daraus könnte nun im wahrsten Sinn des Wortes eine Gefahr für Leib und Leben einzelner Akteure werden. Millionen von Amateurinvestoren haben, angefeuert von den sozialen Medien, der Wall Street in den vergangenen Wochen den Kampf angesagt. Dabei geht es nicht nur um Geld, sondern es ist auch ein ideologischer Kampf gegen diejenigen, die als das Establishment der Wall Street angesehen werden. Im Visier stehen insbesondere Hedgefondsmanager und ihre Shortpositionen. Wurde der Kampf bislang vor allem auf dem Börsenparkett ausgetragen, wird es nun offenbar persönlicher.

Einige Hedgefondsgrößen wie Gabe Plotkin und Steve Cohen haben laut "Bloomberg" persönliche Drohungen erhalten oder wurden Objekt einer Hetzjagd. Dies hat dazu geführt, dass die Sicherheitsvorkehrungen für einige der reichsten Investoren der Welt verstärkt wurden. Experten fragen sich, ob inzwischen schon der bloße Besitz einer bestimmten Aktie oder das Wetten dagegen neue Sicherheitsrisiken darstellen könnte. 

Frage der Positionierung
“Wir raten Kunden jetzt: Erzählen Sie uns von Ihren Positionen“, berichtet Insite-Risk- Management-Präsident Christopher Falkenberg, ein ehemaliger Spezialagent des Geheimdienstes, dessen Unternehmen Risikomanagementprogramme für Finanzunternehmen, Fonds und große gemeinnützige Organisationen entwirft und umsetzt. "Etwas Vergleichbares haben wir noch nie getan. Und wir haben Kunden mit Short-Positionen, die zu uns sagen: ‘Wir brauchen ein neues Sicherheitsprogramm.’ “

Derlei Bedenken sind nichts Neues. Vor fast zwei Jahrzehnten wurde der Hedgefonds-Milliardär Eddie Lampert auf den Rücksitz eines Ford-SUV gezwungen und 28 Stunden lang in einem Motel als Geisel gehalten (er wurde unverletzt freigelassen, und die Täter wurden schnell gefasst).

Feindselige Stimmung
Gabe Plotkin, dessen Melvin Capital Management Milliarden mit Leerverkäufen von Gamestop-Aktien massive Verluste einfuhr, hat für seine Familie zusätzliche Sicherheitskräfte angeheuert, nachdem er das Ziel antisemitischer Beleidigungen und anderer Verunglimpfungen wurde, wie mit der Angelegenheit vertraute Personen Bloomberg gegenüber berichten. Milliardär Steve Cohen sagte, seine Familie habe persönliche Drohungen erhalten, in denen er aufgefordert wurde, seinen Twitter-Account zu kündigen.

Der Online-Fanatismus veranlasste auch einen der angesehensten Short-Investoren der Wall Street, Citron-Research-Gründer Andrew Left, seinen Kurs zu ändern. Er kündigte an, dass seine Firma keine Leerverkäufe mehr offenlegen werde, nachdem ein wütender Anleger-Mob ihn und seine Familie bedroht hatte. Citron hatte zuvor eine Live-Stream-Veranstaltung unterbrochen, weil zu viele Leute seinen Twitter-Account gehackt hatten. “Ich habe noch nie erlebt, dass Menschen so wütend auf jemanden sind, der auf der anderen Seite einer Handelstransaktion steht”, sagte Left in einem Video. (aa)