Trotz einiger jüngster Anpassungen wirken die Vermögenspreise weiterhin "im historischen Vergleich überdehnt", erklärte die EZB am Mittwoch (27.5.) in ihrem halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht. Die Notenbank verwies dabei auf Abwärtsrisiken durch geopolitische, fiskalische und makrofinanzielle Entwicklungen, die offenbar unterschätzt würden.

"Das macht die Märkte anfällig für eine scharfe Neubewertung", sagte EZB-Vizepräsident Luis de Guindos, der sich nach acht Jahren als Verantwortlicher für die Finanzstabilität im Euroraum in diesem Monat zurückzieht. "Nichtbank-Finanzinstitute könnten Ausschläge an den Finanzmärkten verstärken, falls es dazu kommt."

Die Aussagen sind die jüngste Warnung der EZB, dass zu optimistische Investoren möglicherweise eine Entkopplung zwischen Finanzmärkten und Realwirtschaft verursachen. Aktienmärkte weltweit setzten ihre Rekordrally am Mittwoch (27.5.) fort – angetrieben von Technologiewerten, deren hohe Bewertungen zunehmend kritisch hinterfragt werden.

Energieschock sorgt für schwierige Lage
Die EZB befindet sich bereits wegen des aktuellen Energieschocks in einer schwierigen Lage. De Guindos bekräftigte, dass dieser Aufwärtsrisiken für die Inflation und Abwärtsrisiken für das Wirtschaftswachstum mit sich bringt. Trotz der Sorgen über die Konjunktur rechnen Investoren im kommenden Monat mit einer Zinserhöhung.

Der Konflikt im Nahen Osten "könnte die Marktvolatilität ebenfalls erhöhen und die Schuldendienstfähigkeit belasten, da die Finanzierungskosten in einem Umfeld schwächeren Wirtschaftswachstums steigen", sagte de Guindos.

Warnungen auch von der Bank of England
Mit ihren Warnungen steht die EZB nicht allein da. Die stellvertretende Gouverneurin der Bank of England, Sarah Breeden, erklärte im vergangenen Monat: "Es gibt viele Risiken – und dennoch befinden sich die Vermögenspreise auf Rekordhöhen." Sie prognostizierte "irgendwann eine Anpassung".

Die Anleiherenditen im Euroraum sind seit Ausbruch des Iran-Kriegs gestiegen. Grund dafür sind höhere Laufzeitprämien und neue Inflationssorgen. Der Anstieg belastet die öffentlichen Finanzen zu einem Zeitpunkt, an dem viele Regierungen ihre Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung ausweiten.

EZB mahnt zu begrenzten Staatsausgaben
Die EZB betonte, dass der Staatsanleihemarkt der Region weiterhin "geordnet" funktioniere und die Risikoaufschläge niedrig blieben. Zugleich warnte sie, dass die wachsende Präsenz preissensibler Investoren wie Hedgefonds sowie Sorgen über die Tragfähigkeit der Staatsfinanzen unter anderem in den USA eine abrupte Neubewertung von Risiken auslösen oder verstärken könnten.

Angesichts dieser Risiken sei es umso wichtiger, dass die heimischen Staatsausgaben begrenzt blieben, erklärte die EZB. "Jegliche fiskalische Unterstützung muss vorübergehend und gezielt sein, um anhaltenden Inflationsdruck und eine weitere Belastung der öffentlichen Finanzen zu vermeiden."

Die EZB verwies zudem auf Risiken für die Finanzstabilität im Bereich der privaten Kreditvergabe, obwohl europäische Institute dort bislang nur begrenzt engagiert seien. Verluste würden wahrscheinlich Versicherer und Pensionsfonds stärker treffen als Banken. (mb/Bloomberg)