"Infrastruktur beginnt ganz am Anfang jeder Wertschöpfungskette"
Im Gespräch erklärt Rainer Fritzsche, Initiator des Ovid Asia Pacific Infrastructure Equity, warum er den Begriff "Infrastruktur" gerne aus dem Fondsnamen entfernt sehen würde. Und was sich hinter einem Begriff wie dem Valeriepieris-Kreis verbirgt.
Mitten in die damals bereits seit einem Jahr laufende Corona-Krise hinein sind Initiator Rainer Fritzsche und Fondsberater Christof Schmidbauer mit ihrem Ovid Asia Pacific Infrastructure Equity gestartet. Das Ziel: Anders als klassische, eher defensiv ausgerichtete Infrastrukturfonds haben die beiden Fondslenker den gängigen Infrastrukturbegriff explizit erweitert um sogenannte "Wegbereiter", wie sie das nennen, um ihrem Fonds einen stärker auf Wachstum ausgerichteten Fokus zu verleihen. Nach anfänglich eher enttäuschenden Ergebnissen ernten sie seit gut zwei Jahren die Performance-Früchte dieser Ausrichtung. In Bezug auf seine Wertentwicklung gehört der Fonds inzwischen zu den Besten seiner Klasse. Wir haben mit Rainer Fritzsche über sein Thema gesprochen.
Herr Fritzsche, seit inzwischen zwei Jahren gehört der Ovid Asia Pacific Infrastructure Equity zu den absoluten Top-Fonds seiner Kategorie. Was haben Sie anders gemacht als Ihre Wettbewerber?
Rainer Fritzsche: Eine kaum erschöpfend zu beantwortende Frage. Ein wesentlicher Punkt in diesem Zusammenhang ist unsere Perspektive in Bezug auf unser eigentliches Investmentthema. Infrastruktur wird in der Branche nämlich extrem divers definiert, und die Bestimmung, was darunter zu verstehen ist, erschien uns schon 2021 als viel zu einengend. Nach unserem Verständnis beginnt Infrastruktur ganz am Anfang jeder Wertschöpfungskette – etwa bei den Rohstoffen, der Gewinnung von Industriegasen oder dem Eisenerzbergbau. Um es bildlich zu machen: Ohne Zement oder Eisenerz entsteht gar nichts. Aus Eisenerz werden industrielle Grundstoffe gefertigt, erst darauf aufbauend entstehen zum Beispiel Funkmasten, die dann wiederum von Telefongesellschaften für ihre Dienstleistungen genutzt werden können. Klassische Infrastrukturfonds setzen erst bei dieser Dienstleistung an, wir verstehen unser Thema als Gesamtprozess, der im Grunde auch alle vorgelagerten Bereiche umfasst.
Dann würden Sie die Ketten, die Ihnen die Einteilung in die Morningstar-Kategorie "Globale Infrastrukturfonds" anlegt, am liebsten sprengen?
Fritzsche: Wir tragen uns tatsächlich schon länger mit dem Gedanken, den Begriff "Infrastruktur" gewissermaßen aus dem Fondsnamen zu entfernen. Nicht ohne Grund vergleichen wir uns selbst schon seit geraumer Zeit und sehr bewusst mit allgemeiner gefassten Aktiengruppen für den asiatisch-pazifischen Raum. Und stellen dabei fest, dass wir auch dabei in Bezug auf die erzielte Performance durchaus gut hätten mithalten können in den vergangenen zwei Jahren. Das würde zudem mit Sicherheit die Aufmerksamkeit erhöhen im Vergleich zu einem oft lediglich als eine Art Nischenprodukt wahrgenommenen Themenfonds. Wir wären so nicht mehr daran gebunden, mindestens 51 Prozent unserer Anlagen in das nach unserer Auffassung wie gesagt zu eng gefasste Universum von Infrastruktur-Aktien zu investieren.
Um dann auch in deutlich volatilere Bereiche investieren zu können?
Fritzsche: Das mit Sicherheit nicht. Konsumwerte zum Beispiel sind in der Regel viel zu zyklisch und enorm schwankungsintensiv, das passt nicht zu unserem Ansatz. Genauso wenig wie ein Investment in Pharma-Aktien oder Versicherungen und Bankbilanzen, die oft nur sehr schwer zu durchschauen sind. Wir fokussieren bewusst auf die gesamte Breite der Wertschöpfungsketten von Infrastruktur, angefangen beim Abbau und der Weiterverarbeitung von Rohstoffen bis hin zur Fertigung von Industriegütern und der Erbringung von Dienstleistungen sowie nicht zuletzt der dafür notwendigen Errichtung von Immobilien. Weil wir davon überzeugt sind, dass genau diese Sektoren für eine besondere Stabilität im Portfolio sorgen, gerade weil die einzelnen Bereiche zu unterschiedlichen Zeiten gut performen. Im Prinzip verstehen wir uns daher schon lange eher als etwas wie einen Basisfonds für asiatisch-pazifische Aktien.
Aber noch einmal konkret: Was fehlt Ihrer Ansicht nach denn bei herkömmlichen Infrastrukturfonds, was Ihr Fonds sozusagen obendrauf bietet?
Fritzsche: Zum Beispiel der Einschluss von sogenannten Wegbereitern aus dem asiatischen Technologiesektor, von denen eine wesentliche Rolle im Aufbau von Infrastruktur der nächsten Generation im asiatisch-pazifischen Raum zu erwarten ist. Dazu gehören unter anderem die digitale Vernetzung von Fertigung und Logistik, aber auch die Erzeugung von regenerativer Energie und nicht zuletzt der Aufbau einer modernen sozialen Infrastruktur, insbesondere beim Ausbau des Healthcare-Sektors. Dadurch profitieren wir mit unserem Fonds von einem stärkeren Wachstumsfokus als das bei den meisten traditionell gemanagten Infrastrukturfonds der Fall ist. Unser Ziel bleibt dabei dennoch, eine Ertrags-Risiko-Optimierung zu realisieren durch die Mischung von solchen wachstumsstarken Unternehmen und Firmen mit einer hohen Ertragsstabilität.
Um die regionale Verteilung Ihrer Investments zu beschreiben, nutzen Sie gerne einen Begriff namens Valeriepieris-Kreis. Was genau steckt dahinter?
Fritzsche: Im Grunde handelt es sich dabei um eine Art Erweiterung dessen, wofür die im Englischen als Apec abgekürzte Asiatisch-Pazifische Wirtschaftsgemeinschaft steht, eine internationale Organisation, die es sich bereits 1989 zum Ziel gesetzt hat, Freihandel und wirtschaftliche Kooperation im pazifischen Raum zu fördern. Ursprünglich bereits 2013 von dem Reddit-Nutzer mit dem Pseudonym "Valeriepieris", einem Lehrer aus Texas, erdacht, wird mit dem Begriff eine Region bezeichnet, die einen Kreis von 4.000 Kilometern mit Ostasien als Mittelpunkt beschreibt. Indien hinzugerechnet erhält man eine Region von unbestreitbarer globaler Bedeutung, die mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung beherbergt, zwischen 40 und 45 Prozent des weltweiten BIPs erwirtschaftet und über die Hälfte der globalen Zentralbankreserven hält. In diesem Kreis befinden sich Milliardennationen wie China und Indien genauso wie bevölkerungsreiche Länder wie Indonesien, Pakistan und Bangladesch, aber auch Japan und die Philippinen. Das ist sozusagen das Spielfeld, in dem sich unser Fonds bewegt.
Ist es nicht ein wenig blauäugig, an nachhaltige Investmenterfolge auf "Ihrem Spielfeld" zu glauben angesichts enormer wirtschaftlicher und politischer Unterschiede zwischen den Ländern dieser Region?
Fritzsche: Zugegeben, die Länder im asiatisch-pazifischen Raum unterscheiden sich stark – von Demokratien wie Australien und Japan über Militärdiktaturen wie Myanmar bis zu Einparteiensystemen wie China. Dennoch kooperieren diese Länder auf der wirtschaftlichen Ebene bewusst eng miteinander. Das Anfang 2022 verabschiedete RCEP-Abkommen, abgekürzt für "Regional Comprehensive Economic Partnership", regelt die Zusammenarbeit zwischen zehn Asean-Staaten und mit China, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland fünf weiteren Ländern im Raum Asien‑Pazifik. Es ist damit die weltweit größte Freihandelszone gemessen an Bevölkerung und Bruttoinlandsprodukt. Wichtigstes Ziel ist der schrittweise Abbau von Zöllen. Langfristig sollen etwa 90 Prozent der Zölle zwischen den Mitgliedsländern entfallen, nicht nur im Warenhandel oder im E‑Commerce, auch in Sektoren wie Dienstleistungen und bei geistigen Eigentumsrechten.
Sie sprechen in diesem Zusammenhang gerne von einer "umgekehrten Asien-Krise". Was ist damit gemeint?
Fritzsche: Im Prinzip vor allem eine deutliche Verschiebung von Kaufkraft weg von den USA und Europa hin zu Asien. Die lange Zeit favorisierten US-Technologiewerte verlieren an Schwung, gleichzeitig werden sogenannte Momentum- und Carry-Trades immer unrentabler aufgrund der Aufwertung asiatischer Währungen. Dadurch eröffnen sich enorme Investmentchancen in Asien, von denen wir aktuell durch unseren Fokus auf unterbewertete Vermögenswerte in der Region enorm profitieren können. Und stärkere Währungen sowie ein nach wie vor anziehender Konsum aufgrund der höheren Kaufkraft und einer anhaltend hohen regionalen Nachfrage dürften auch künftig für ein enormes Potenzial bei Investitionen in asiatische Aktien und Währungen sorgen.
Was dürfen Anleger angesichts dessen erwarten?
Fritzsche: Unser Ziel ist ein Vermögenswachstum zwischen jährlich fünf und sieben Prozent über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren, bei gleichzeitig möglichst kursstabilen Kapitalanlagen. Wir verzichten auf Währungsabsicherung, da wir bis zu manchmal 19 verschiedene Währungen im Fonds haben, und setzen auf die Stabilität, die sich aus der Diversifikation innerhalb dieser Region ergibt. Diversifikation ist nach wie vor so etwas wie das einzige "Gesetz" für eine nachhaltig erfolgreiche Kapitalanlage.
Haben Sie keine Angst davor, dass Ihr Investmentfeld demnächst von einem deutlich günstigeren ETF besetzt wird?
Fritzsche: Aktiv gemanagte ETFs betrachten wir eher als so etwas wie freundliche Mitbewerber. Im Vergleich dazu liegt unsere besondere Stärke in einem bewusst aktiv gemanagten und sehr stark auf eigenem Research basierenden Ansatz, der im Rahmen eines börsengehandelten Fonds keineswegs so einfach nachzubilden wäre. Was unsere Investmentquote angeht, sind wir stets bis zu 99 Prozent des Fondsvermögens nahezu voll investiert. Wer mehr Cash möchte, muss das auf Ebene seines eigenen Gesamtdepots regeln – im Fonds selbst bleibt die Aktienquote auch künftig sehr hoch. Wir sind dabei zugegeben nicht billig, aber auch keinesfalls überteuert. Unsere Clean-Share-Klasse liegt bei Gesamtkosten von aus meiner Sicht akzeptablen 1,60 Prozent und ist sowohl für Einmalanlagen wie auch für Sparpläne ab dem ersten Euro geeignet.
Vielen Dank für das Gespräch. (hh)













