Öl hat die 90-Dollar-Marke überschritten und ING Investment Management (ING IM) sieht noch Potenzial für weitere Preissteigerungen. Denn die Ironie des Schicksals will es, dass die großen internationalen Ölkonzerne wie Exxon, BP, Total und Shell in der Zwickmühle stecken, wie Frederic von Parijs, Senior Investment Strategist und Ölexperte, ING Investment Management, erklärt.

Die Nachfrage habe auf die höheren Preise der letzten Jahre sehr elastisch reagiert, während insbesondere die Nicht-OPEC-Länder ihr Angebot nicht spürbar anhoben. Zwar sei es gelegentlich zu einer vorübergehenden Abschwächung der Nachfrage gekommen, wenn die Preise an der Quelle allzu schnell stiegen. Dies war jedoch lediglich Zeichen dafür, dass Autofahrer sich erst an höhere Preise gewöhnen mussten. Hinweise auf grundlegendere Änderungen gebe es   van Parijs zufolge nicht. Auch wenn Bezinkosten einen großen Teil unserer Haushaltsbudgets ausmachen, seien wir noch weit von einem realen Nachfragerückgang wie in der Energiekrise der frühen Achtzigerjahre entfernt.

Laut van Parijs erwächst aus den hohen Ölpreisen vermutlich der US-Konjunktur das größte kurzfristige Risiko. Das die Nachfrage nach Kraftstoff-Erdöl neuerdings wieder nachgegeben habe, dürfte eher auf eine schwächere Konjunktur und entsprechend weniger Transportkilometer zurückzuführen sein, als auf eine Preisexplosion an der Quelle. Es sei kaum vorzustellen, was passiert, wenn sich die US-Konjunktur wieder erhole und die Erdölvorräte wirklich zusammenschrumpfen.

OPEC in Not?

Frederic van Parijs hat Zweifel, ob die OPEC die Situation wirklich im Griff hat. Einige Riesen-Ölfelder wie Ghawar in Saudi-Arabien werden seit Jahren ausgebeutet. Sie decken fünf Prozent der globalen Nachfrage ab, und die Fördermengen sind gleich bleibend hoch. Einige Branchenspezialisten vermuten jedoch, dass die Ertragskraft der alten Felder nachgelassen hat. Werden freie Kapazitäten, die die Grundlage für den Status Saudi Arabiens als Zentralbank für Öl sind, bald der Vergangenheit angehören?

Auch wenn Ausbruchstendenzen zu verzeichnen sind, hat die OPEC die Situation noch unter Kontrolle, wie es scheint, meint van Parijs. Aber trotz der beruhigenden Worte der OPEC kann man sich kaum vorstellen, dass die OPEC in einer Vervierfachung der Preise keine Produktionsanreize sieht. Vielleicht ist es keine Frage des Wollens, sondern des Könnens. Vielleicht ist der Ölpreis nicht mehr kontrollierbar? Damit würde ein Anstieg auf 100 Dollar immer wahrscheinlicher.

Ölmultis in der Bredouille

Trotzdem stecken ironischerweise sowohl die OPEC als auch die Ölmultis bei Ölpreisen von 100 Dollar in einem Dilemma. Die OPEC will zwar hohe Ölpreise, aber gleichzeitig darf das Fass, auf dem sie sitzt, nicht explodieren. Die Ölmultis selbst sind in ihrer Existenz bedroht. In dieser Welt des 90-Dollar-Öls haben sie an Macht verloren und werden von den Herstellerländern und nationalen Gesellschaften an die Auslinie gedrängt. Die Produktion ist rückläufig, die Kosten schießen in die Höhe, die Kontraktbedingungen verschlechtern sich und die Risiken steigen.

Symbolisch für 2007 sei van Parijs zufolge die Gegenläufigkeit der Entwicklungen bei Ölpreisen einerseits und Gewinnen der großen Ölkonzerne andererseits: Hier wurde ein Plus von mehr als zehn Prozent verzeichnet während dort genau entgegengesetzt Verluste von zehn Prozent verbucht wurden. Das Ende der Fahnenstange sei jedoch noch nicht erreicht. Diese Gesellschaften seien zum Großteil seit Jahrzehnten im Geschäft und hätten die entsprechenden Köpfe, die sich um eine Kriegsstrategie kümmern können. Sie werden einen Kampf anzetteln und auf den Tag warten, an dem die nationalen Gesellschaften zugeben müssen, dass sie der Lage nicht mehr gewachsen sind.

Problemfaktor Alter

Weil die Großkonzerne so sehr von ihren jungen und intelligentesten Mitarbeitern abhängen, könnte die schnelle Überalterung der Belegschaft ein Problem darstellen, der die Gesellschaften letztendlich in ihrer Existenz bedroht. Bis dahin bewertet Frederic van Parijs jedoch die von den jeweiligen Verantwortlichen gestreuten, optimistischen Wachstumsziele skeptisch.

Weltweit freuen können sich indes die Serviceanbieter: Die Nachfrage nach ihren Leistungen steigt, und sie werden immer stärker gebraucht. Das verleiht ihnen jetzt Preismacht: Ab heute wird zurück geschossen. Bis noch vor ganz kurzer Zeit hatten die Großen ihnen kaum die Luft zum Atmen gelassen. Heute sind sie diejenigen, die den Schwergewichten den Schweiß auf die Stirn treiben - nicht nur mit ihren Preisen, sondern auch, weil sie im Dienste der nationalen Ölgesellschaften ihr Schärflein dazu beitragen, dass die Großkonzerne immer mehr ins Abseits gedrängt werden.

Auch die Gefahr, dass die Ölmultis selbst sich eines Tages immer mehr in Richtung Serviceanbieter entwickeln müssen, ist laut van Parijs nicht ganz von der Hand zu weisen, wenn ihnen erst einmal die Ölreserven fehlen. Die Kriegshörner sind geblasen. Die Aktien vieler Serviceanbieter haben bereits eine starke Performance hinter sind, ING IM ist jedoch der Ansicht, dass die Aktien weiter parallel mit der Aufwärtsbewegung des Zyklus verlaufen. Und so lange gibt es nur einen guten Rat: den Kraftstoffverbrauch so gering wie möglich halten. Damit spart man nicht nur Geld, sonder sendet auch eine Botschaft an die OPEC und an Länder wie Russland und Venezuela: "Setzt dem Preisanstieg bald ein Ende". (ir)