Fünf Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise sind Volkswirte immer noch nicht in der Lage, die Hintergründe überzeugend zu deuten, kritisiert Valentijn van Nieuwenhuijzen, Chefstratege von ING Investment Management. "Die Wirtschaftswissenschaften haben sich als unfähig erwiesen, die Entwicklungen der letzten Jahre plausibel zu erklären und überzeugende Schlussfolgerungen für das künftige Wachstum und die weitere Entwicklung an den Finanzmärkten zu ziehen."

Die Prämissen, auf die sich die traditionelle Wirtschaftstheorie stützt, seien bereits seit Langem zweifelhaft, sagt van Nieuwenhuijzen. "Die Annahme, dass die Marktakteure bestens informiert und mit völliger Voraussicht rational agieren, sowie die Neutralität von Geld und Schulden werden zunehmend infrage gestellt", sagt der ING-Stratege. "Auch die begrenzte Rolle, die der Faktor Ungewissheit in diesen Modellen spielt, und die Illusion, dass sie anhand vergangenheitsbezogener Beobachtungen korrekt erfasst werden kann, sind äußerst fragwürdig."

Ökonomen sollen Schwächen ihrer Modelle eingestehen
Selbst wenn die den Modellen zugrundeliegenden Annahmen die Realität zutreffend widerspiegeln sollten, könne es eine effiziente Preisgestaltung an den Märkten und stabile Gleichgewichte nur dann geben, wenn die Marktteilnehmer homogen und die Märkte transparent sind und überdies kaum Barrieren für den Markteintritt bestehen. "Ferner müssten die relevanten Informationen vollständig und zeitnah vorliegen und allen Marktteilnehmern gleichmäßig zur Verfügung stehen", sagt van Nieuwenhuijzen. "Diese Bedingungen sind zumindest nicht immer erfüllt."
 
Es sei an der Zeit, sich die Defizite volkswirtschaftlicher Theorien einzugestehen, meint van Nieuwenhuijzen. "Die Einsicht, dass die Zukunft ungewisser ist, als so manch einer glauben möchte, ist der erste wichtige Schritt hin zu tragfähigeren, konsequenteren Entscheidungen." Eine unvoreingenommene und konsequente Entscheidungsfindung sei gerade für Investitionsentscheidungen wichtig. (mb)