Obwohl Venezuelas Staat und Wirtschaft von den hohen Ölpreisen profitiert und über den MSCI Venezuela in den heimischen Aktienmarkt investiert, bietet der Markt keine attraktiven Anlagechancen, sagt Roberto Lampl, Senior Manager Equities und Fondsmanager des ING (L) Invest Latin America bei ING Investment Management (ING IM). Trotz langfristig positiver - und mitunter sogar bedeutender unterjähriger - Renditen sei Venezuela aus risikobereinigter Perspektive kein lohnendes Anlagegeschäft, so Lampl in seiner aktuellen makro-ökonomischen Markteinschätzung.

Das liege zunächst daran, dass der MSCI Venezuela im Vergleich zum MSCI Latin America wesentlich schlechter abgeschnitten habe. So legte der MSCI Latin America seit 1999 um 617 Prozent zu, während der MSCI Venezuela es "nur" auf eine 60-prozentige Rendite brachte . Betrachtet man die jährliche Gesamtverzinsung, dann komme laut Lampl Venezuela lediglich auf eine kumulative Rendite von sechs Prozent. Setze man hingegen auf eine stärkere Diversifizierung (und damit auf weniger Risiko), lasse sich die kumulative Rendite im Durchschnitt auf fast 28 Prozent steigern. Mit anderen Worten: Die Übernahme eines höheren Risikos durch Investition nur in Venezuela lohne sich nicht.

Ein weiterer Grund für Lampls Abneigung gegenüber Direktanlagen in Venezuela ist das politische Risiko. "Es ist durchaus nicht ausgeschlossen, dass die Zentralregierung aktive Maßnahmen ergreift oder die bestehenden Gesetze ändert, um börsennotierte Gesellschaften "rechtmäßig" zu enteignen. Das ist allein im vergangenen Jahr mindestens zweimal passiert. Wir halten uns daher an Unternehmen, die zwar von den Öl- und Gasinvestitionen in Venezuela profitieren, aber nicht an den Börsen des Landes gelistet sind", berichtet der Investmentexperte.

Außerhalb des Erdölsektors verzeichne Venezuela im zweiten Quartal 2007 ein kräftiges Wirtschaftswachstum. Entscheidende Triebfeder sei dabei die kräftige Nachfrage, so der Fondsmanager. "Der Erdölsektor ging dagegen um 3,9 Prozent zurück. Während hohe Staatsausgaben die Konjunktur stützen, wirken rückläufige Investitionstätigkeit, nachlassendes Inlandsangebot und galoppierende Inflation hemmend", erklärt Lampl weiter.

Für 2007 rechnet der Fondsmanager mit einer Wachstumsrate von 7,4 Prozent und 4,8 Prozent für 2008. Die Inflationsrate liegt nach seiner Einschätzung in diesen Jahren bei 19,6 Prozent bzw. 21,3 Prozent. Der treibende Faktor seien hier vor allem die hohen Staatsausgaben. Lampl: "Das Land verfolgt eine extrem lockere Geldpolitik mit negativer Realverzinsung. Noch profitiert Venezuela vom hohen Ölpreis und wies daher im zweiten Quartal einen Handelsbilanzüberschuss auf, der allerdings infolge geringerer Erdölexporte und höherer Importe insgesamt niedriger ausfiel als im Vorjahr. Die Zahlungsbilanz, so Lampl weiter, wies in Q2 hingegen ein Defizit von 7,2 Milliarden US-Dollar aus. Der Erdölpreis bleibt der entscheidende Faktor. Kann er sich weiterhin bei einem Niveau von über 75 Dollar pro Barrel behaupten, dann bleibt auch Venezuela genug Spielraum, um sich bis 2009 den geänderten Rahmenbedingungen anzupassen."

So sieht der Fondsmanager die venezolanische Regierung sogar durchaus in der Lage, dem Verfall der Rahmendaten entgegenzuwirken, und gibt Gründe wie beispielsweise die Kürzung der Staatsausgaben sowie geld-, steuer- und zinspolitische Maßnahmen, an.

Politische Situation

Venezuelas Staatschef Hugo Chavez plant umfassende Verfassungsänderungen. Voraussichtlich im Dezember wird eine Volksabstimmung stattfinden, bei der die Wähler über die einzelnen Punkte allerdings nur blockweise abstimmen können. Zu den angestrebten Änderungen zählen unter anderem: Einschränkung der Autonomie der venezolanischen Notenbank, die damit direkt dem Präsidenten unterstellt würde. Die Entscheidungskompetenz in geld- und zinspolitischen Fragen käme daher dem Präsidenten zu. Vertreter der Notenbank haben sich, so Lampl in seiner Markteinschätzung, bisher erfolglos bemüht, die Argumentation der Regierung zu entkräften. Es habe vielmehr den Anschein, dass die populistischen Ideologien der Regierung unempfänglich für rationale Argumente seien.  

- Unbeschränkte Wiederwahl des Staatspräsidenten. Das ist die Änderung, die Chavez am wichtigsten ist. Lampl berichtet weiter, dass Umfragen zufolge 80 Prozent der Wähler gegen diese Änderung seien. Die Propagandamaschine laufe indessen auf Hochtouren, um sie vom Gegenteil zu überzeugen.  

- Verkürzung der Arbeitszeit von acht auf sechs Stunden täglich. Das sei sozusagen der Köder, mit dem die gering verdienenden Arbeitnehmer (und das sind immerhin 80 % der Gesamtbevölkerung) an die Wahlurne gelockt werden sollen.  

Chavez kontrolliere bereits drei wesentliche Bereiche des Staatswesens; die Verfassungsänderungen würden laut Lampl daher lediglich die bestehenden Verhältnisse formalisieren. "Die politischen Parteien sind schwach, zersplittert und werden finanziell kaum oder gar nicht gefördert. Der nächste Herausforderer des Staatschefs wird daher wohl eher aus den eigenen Reihen als aus der Opposition kommen", rechnet der Fondsmanager. Mit Widerstand innerhalb der Armee gegen den Chavismo sei kaum zu rechnen. "Dagegen sprechen Chavez" große Popularität, die hohe Zahl bewaffneter Chavistas in der Zivilbevölkerung, die schnell mobilisiert werden können, und nicht zuletzt die großzügigen Zuwendungen an das Militär - vor allem die oberen Ränge."  

"Wir gehen davon aus, dass der Staat sich stärker auf strategischen Sektoren wie Telekommunikation, Versorgung, Ernährung, Gesundheit und so weiter engagieren wird. Gleichzeitig ist mit weiteren Eingriffen ins Privateigentum zu rechnen, zunächst in der Industrie und dann schließlich auch im Bankwesen." Einige Beobachter spekulieren, weist Lampl hin, dass Chavez weniger radikal wäre, wenn er weniger Bareinnahmen zur Verfügung hätte. Dann müsste er nämlich stärkere Rücksicht auf Märkte und Verschuldung nehmen. Nach dieser Theorie bestünde eine Korrelation zwischen den Petrodollareinnahmen Venezuelas und Chavez" politischer Radikalität. Ein anderer Faktor, der den venezolanischen Staatschef möglicherweise zu einer vorsichtigeren Gangart veranlassen könnte, ist die Tatsache, dass 55 Prozent der Staatseinnahmen aus dem Nichtölsektor stammen. Zu viel Radikalität könnte diese Einnahmequelle versiegen lassen.  

Mögliche Stolpersteine für Chavez wären ein tiefgreifender Popularitätsverlust infolge der hohen Inflation, Korruption, der Aufstieg einer neuen Führungspersönlichkeit oder aber Maßnahmen auf Seiten der USA. Lampl: "Wir sollten uns allerdings darauf einrichten, dass der Chavismo keine vorübergehende Erscheinung ist, sondern das politische Leben Venezuelas noch für mehrere Jahrzehnte bestimmen wird. Das gilt auch dann, falls Hugo Chavez die Führung abgibt oder sogar verliert. Schließlich war Perons Abtritt auch nicht das Ende des Peronismus in Argentinien." (bb)