Wegen der langfristig positiven Wachstumsaussichten neigten Investoren dazu, bei jeder Krise in den Schwellenländern einen günstigen Ausgang zu erwarten, sagt Maarten-Jan Bakkum, Schwellenländerstratege beim Fondsanbieter ING Investment Management (ING IM). Das zeige sich auch jetzt wieder. Die Makrorisiken in den aufstrebenden Volkswirtschaften seien erheblich gestiegen. Der Wachstumsunterschied zwischen Schwellenländern und entwickelter Welt sei mittlerweile auf zwei Prozentpunkte geschrumpft. "Das ist der niedrigste Stand seit 2001", sagt der ING-Stratege. Investoren schienen aber überwiegend davon auszugehen, dass die Marktkorrektur nun ihr Ende erreicht habe. Institutionelle Investoren kauften bereits wieder, einige Market-Maker gäben sogar Empfehlungen für die Emerging Markets ab. Ihr Hauptargument: der scheinbar attraktive Preis.

Der Druck auf die Schwellenländer könne indes durchaus anhalten, urteilt Bakkum. Bislang sei nur ein Drittel des Kapitals, das seit Beginn der quantitativen Lockerung durch die US-Notenbank in Emerging-Markets-Anleihen geströmt sei, wieder abgeflossen. Im vergangenen Jahr seien es die Länder mit den hohen Leistungsbilanzdefiziten gewesen, die zuerst unter Druck gerieten. "Aufgrund ihres hohen Finanzierungsbedarfs traf es zunächst Länder wie die Türkei, Indien und Südafrika", sagt der Experte. "Dann verlagerte sich das Augenmerk allmählich auf Länder mit hohen institutionellen und politischen Risiken, verfehlter Wirtschaftspolitik und schlechten Wachstumsaussichten." Als Beispiele seien Brasilien, Thailand und Ungarn zu nennen.

Sorgenkind Bankensektor
Bei stagnierendem Wachstum und steigenden Zinsen könne es passieren, dass auch Unternehmen und Privathaushalte in Mitleidenschaft gezogen werden. "Zehn Jahre lang hat das Kreditgeschäft nahezu überall in der aufstrebenden Welt außerordentlich hohe Zuwachsraten verzeichnet", sagt Bakkum. "Vor diesem Hintergrund muss man einen Anstieg der Zinsen fürchten." Für Unternehmen, die sich vor allem im Ausland verschuldet haben, stellten die rückläufigen Wechselkurse ein weiteres Problem dar. Steigende Insolvenzzahlen dürften wiederum die Banken unter Druck setzen. In dieser Phase der Krise gehe es vor allem darum, klar abzugrenzen, in welchen Schwellenländern der Bankensektor am anfälligsten ist. Das zeige sich vor allem an der Zunahme des prozentuellen Anteils der Verschuldung am Bruttoinlandsprodukt. Sorgen bereiteten vor allem China, Malaysia, Thailand, die Türkei und Brasilien. (dw)