Aktien aus Schwellenländern gelten schon in Nicht-Krisenzeiten als launisch. Die Coronavirus-Pandemie hat der Region obendrein zugesetzt – auch wenn die offiziell gemeldeten Zahlen an Infizierten noch gering scheint. Generell werden nicht alle aufstrebenden Volkswirtschaften die Herausforderung gleich gut meistern, glaubt Justin Leverenz, Anlagestratege bei Invesco.

Beste Chancen sieht er in Russland. "Das Land ist die stärkste der großen ölproduzierenden Ökonomien mit einer sehr starken Staatsbilanz und guter Haushaltslage sowie einer flexiblen Währung und Kostenstruktur", sagt der Experte. Auch China hat für Leverenz gute Voraussetzungen, um die Krise glimpflich zu überstehen. Zwar hat das Coronavirus die chinesische Wirtschaft im Februar fast zum Stillstand gebracht. Doch die Regierung hat schnell und pragmatisch reagiert und unter anderem ein 150 Milliarden US-Dollar schweres Konjunkturpaket geschnürt. "Strukturell hat China deutlich mehr geldpolitische Munition", sagt der Stratege. Außerdem sei das Land dank seines kulturell verankerten fiskalischen Konservatismus gut gerüstet, um gestärkt aus der Krise hervorzugehen.
 
Brasilien hinkt Reformen hinterher
Skeptisch ist Leverenz dagegen bei den lateinamerikanischen Emerging Markets. Es sei fraglich, ob es ihnen gelingen wird, aus ihrem traditionellen Zyklus hoher Erwartungen, gefolgt von Enttäuschungen und gespickt mit Finanzkrisen und Rezessionen auszubrechen. "Länder wie Brasilien haben die dafür verantwortlichen strukturellen Defizite – zum Beispiel die prohibitiven Kapitalkosten – nie ernsthaft in Angriff genommen", erklärt er. So hätten die brasilianischen Staatsausgaben im Jahr 2019 mit einem Wert von 38 Prozent des Bruttoinlandsprodukts die aller anderen großen Schwellenländer überstiegen, während die privaten Anlageinvestitionen in den letzten zehn Jahren kontinuierlich zurückgegangen sind. Sie liegen derzeit bei rund 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. (fp)