Gut zwei Jahrzehnte ist es her, dass Nicolas Forest seine Karriere bei der Candriam-Vorläufergesellschaft Dexia Asset Management startete – damals als Manager von Geldmarktfonds. 2008 wurde der Philosoph (Bachelor-Abschluss) und Ökonom (Master) zum Head of Rates Strategy befördert, fünf Jahre später zum Global Head of Fixed Income. Seit Mai 2023 ist er als Chief Investment Officer (CIO) hauptverantwortlich für die Investmentplattform der New-York-Life-Tochter.


Herr Forest, die meisten Aktienmärkte sind zwar von den Rekordhochs etwas zurückgekommen, die Kurse bleiben aber weiter hoch. Sehen Sie von hier aus mehr Potenzial oder mehr Risiken?

Nicolas Forest: Die Bewertungen sind ambitioniert, aber wir glauben, dass die Märkte noch Potenzial haben und bleiben daher übergewichtet in Aktien. Das Wirtschaftswachstum wird 2026 zwar nicht berauschend sein, aber wir erwarten keine Rezession und auch keinen starken Zins- oder Inflationsanstieg. Der gesamte wirtschaftspolitische Policy-Mix in den USA und Europa wird unserer Meinung nach risikobehaftete Anlagen weiter unterstützen.

Sind Sie sich da so sicher? Aktien haben zuletzt an Schwung verloren, vor allem aber hat der Bitcoin scharf korrigiert. Einige warnen, dass das ein Wendepunkt auch für den Aktienmarkt sein könnte.

Forest: Der Einbruch bei Bitcoin zeigt, dass der globale Risikoappetit nachgelassen hat. Wir alle wissen aber, wie volatil Kryptowährungen sind. Es gibt keine Wirkungskette vom Bitcoin-Rückschlag zu einem möglichen Sell-off an den Aktienmärkten. Ein Wendepunkt könnte sich aber schon anbahnen, und zwar zwischen den Aktiensektoren. Während die Tech-Werte gerade eine Verschnaufpause einlegen, sehen wir gute Gelegenheiten in Segmenten wie Healthcare und auch in nachhaltigen Branchen, etwa bei erneuerbaren Energien.

Der Aktienmarkt hat in den vergangenen Jahren Rückschläge extrem schnell weggesteckt. Warum ist der Markt überhaupt so widerstandsfähig?

Forest: Wir haben in den vergangenen Korrekturen erlebt, dass gerade private Anleger jeden Kursrückgang zum Einstieg genutzt haben. Es waren also zuletzt immer die Privatanleger, die die Märkte stabilisiert haben, nicht die institutionellen Investoren. Die sind deutlich vorsichtiger geblieben. Dabei spielt die Digitalisierung der Kapitalanlage eine große Rolle. Retail-Anleger entscheiden zunehmend selbst, und sie sind eher risikofreudig. Ein weiterer Faktor ist teilweise damit verbunden: Die Anleger haben seit der globalen Finanzkrise und der Euro-Schuldenkrise ein fast unerschütterliches Vertrauen in die Zentralbanken und die politische Unterstützung insgesamt. Sie wetten mit vollem Einsatz auf den Zentralbank-Put – auch das sieht man eher bei Retail- als bei institutionellen Investoren.

Könnten die Privatanleger denn auch einmal zum Auslöser für Instabilität werden?

Forest: Natürlich kann unbegrenztes Vertrauen in die Institutionen auch zu Überhitzungserscheinungen führen und einer höheren Volatilität. Ich sehe bei Aktien aktuell keine Blase, aber die Volatilität dürfte uns schon alleine wegen der zahlreichen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheitsfaktoren begleiten.

Wo Sie die Privatanleger ansprechen: Immer mehr Selbstentscheider investieren über passive ETFs. Wie hat sich dadurch Ihre Arbeit als aktiver Manager verändert, der in einer zunehmend von passiven Geldströmen dominierten Welt investiert?

Forest: Passive Strategien tragen mit ihrem Fokus auf Marktkapitalisierung zur höheren Konzentration bei, was es ja aktiven Asset Managern in den vergangenen Jahren schwer gemacht hat, mit dem Anstieg des S&P 500 mitzuhalten. Wenn die Investoren aber ihre ETFs abstoßen, dann kehrt sich das um, denn auch die Abflüsse würden die großen Titel besonders stark treffen. Dazu schaffen passive Investments gerade bei Anleihen sehr gute Chancen für aktive Anleger. Hier führt das passive Allokieren nach ausstehendem Anleihenvolumen zu Ineffizienzen: Die größten Schuldner sind schließlich nicht unbedingt die besten. Hinzu kommen die Kosten der Umschichtung, da Anleihen ja regelmäßig auslaufen und ersetzt werden müssen. Daher schneiden aktive Anleger bei Anleihen oft besser ab als passive Strategien.

Wären denn aktive ETFs für Candriam eine Überlegung wert?

Forest: Aktive ETFs sind noch eine Nische. Aber Sie haben recht, das könnte eine komplementäre Ergänzung zu unserem bestehenden Angebot sein. Dazu kommen die Steuervorteile bei einigen ETFs.

Geopolitik ist für viele Anleger ein wichtiges Thema. Gleichzeitig fällt es oft schwer, das in der Asset-Allokation umzusetzen. Haben Sie einen Vorschlag?

Forest: Eine Möglichkeit sind sicherlich thematische Lösungen. Wir haben erst vor Kurzem die geopolitische Fragmentierung als neuen Megatrend in unseren Megatrend-Ansatz aufgenommen. Daraus ist auch eine ganz neue Strategie entstanden, die auf europäische Autonomie abzielt. Sie umfasst viele Sektoren, nicht nur Verteidigung, sondern auch IT oder Energie. Hier haben wir noch mehr Strategien in der Pipeline. Viele Investoren suchen aber auch den richtigen Hedge-Trade. Das gilt umso mehr, da Gold teuer ist und Anleihen nicht in jedem Schock Diversifikation bieten.

Sind illiquide Anlagen wie Private Equity – etwa im ELTIF-Format – besser geeignet?

Forest: Illiquide Strategien eignen sich schon besser, sie sind aber nicht völlig unkorreliert zu Aktien und Anleihen. Unserer Meinung nach bieten Liquid Alternatives und insbesondere Multi-Strategy-Hedgefonds eine unkorrelierte Rendite. Gerade in insgesamt teuren und hochkorrelierten Märkten, die wir gerade erleben, bieten solche Strategien potenziell große Vorteile für ein langfristig ausgerichtetes Gesamtportfolio.

Nochmal zurück zu Aktien: Wo setzen Sie da Ihre Schwerpunkte?

Forest: Wir investieren immer aus der Perspektive eines europäischen Investors. Regional sind wir stark diversifiziert und betonen stattdessen eher die Sektoren-Gewichtungen. Und da haben wir einen Fokus auf Healthcare, auf Biotechnologie und Onkologie. Solche defensiven Sektoren sind unserer Meinung nach bei etwas geringerem Wirtschaftswachstum gut positioniert. Und trotz des politischen Gegenwinds setzen wir auf erneuerbare Energien, die vom steigenden Energiebedarf profitieren. Auch Emerging Markets wie China halten wir für sehr interessant.

Setzen Sie mit Blick auf das kommende Jahr eher auf die Magnificent Seven oder den S&P 493?

Forest: Wir sind langfristig optimistisch für die großen Technologieaktien. Taktisch sind wir aber etwas vorsichtiger, auch aus Bewertungsaspekten.

Was würde ein Waffenstillstand in der Ukraine für die Aktienmärkte bedeuten?

Forest: Das ist schwer zu sagen. Die wichtigsten Aktienindizes sind schließlich trotz des Krieges auf neue Rekordhochs gestiegen. Vielleicht kehren einige internationale Investoren, die Europa untergewichtet hatten, bei einem Ende des Krieges tatsächlich zurück. Leider habe ich trotz der Verwüstungen, die dieser Konflikt angerichtet hat, große Zweifel daran, ob ein echter und nachhaltiger Friedensschluss wirklich kommt.

Vielen Dank für das Gespräch. (jh)