Die aktuelle Marktlage ist nicht mit der Situation 2022 in Folge des russischen Einmarschs in der Ukraine vergleichbar. Das sagt Benoit Anne, Anlageexperte bei MFS Investment Management. Die Gefahr einer Stagflation sei aufgrund der Stärke der Weltwirtschaft viel geringer.

Kein dauerhafter Inflationsanstieg
Zwar befürchtet der Investmentstratege einen Inflationsschock aufgrund der stark gestiegenen Ölpreise. "Das Risiko einer anhaltend hohen Inflation sehen wir jedoch nicht", so Anne. In den USA seien die Inflationserwartungen nur gering gestiegen. Europa sei zwar gegenüber Energiepreisänderungen tendenziell empfindlicher und die Inflationserwartungen sind tatsächlich deutlich stärker gestiegen als in den USA. "Dennoch erscheint uns eine Zinserhöhung der EZB, wie 2022 und nun vom Markt eingepreist, nach wie vor etwas weit hergeholt", meint der MFS-Anlageexperte.

Derzeit gehe der Markt aber sogar davon aus, dass die EZB in den nächsten zwölf Monaten zwei Zinserhöhungen vornehmen wird. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen war zuletzt mit knapp drei Prozent so hoch wie lange nicht. Nach Annes Meinung macht das ein Engagement in europäischen Anleihen attraktiv.

USA: Eher Überhitzung als Abschwächung
Auch in den USA sieht er das Konjunkturrisiko geringer, als der Gesamtmarkt das einpreist: "Aus unserer Sicht besteht das primäre Risiko für die USA nicht in einer Stagflation, sondern eher in einer Überhitzung, also einer Kombination aus starkem Wirtschaftswachstum und höheren Inflationsraten." Die Fed befinde sich deshalb in einer schwierigen Lage. "Bisher wurde erwartet, dass der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh ab Juni Zinssenkungen in einem angemessenen Rahmen vornehmen würde", so Anne. Das habe sich jedoch geändert, die Märkte gingen insgesamt erst von einer Zinssenkung im September aus.

Seiner Meinung nach besteht trotz der beunruhigenden geopolitischen Entwicklungen und der höheren makroökonomischen Volatilität kein Grund zur Panik: "Zum jetzigen Zeitpunkt sehen wir keine Anzeichen dafür, dass sich das gefürchtete Szenario von 2022 wiederholen könnte." (jh)