IWF-Chefin: Die Welt muss lernen, mit dauerhaften Schocks zu leben
IWF-Chefin Kristalina Georgieva sieht die Weltwirtschaft dauerhaft mit häufigeren Krisen konfrontiert. In einem Podcast spricht sie über geopolitische Konflikte, künstliche Intelligenz, Globalisierung und die schwierige Rolle des Währungsfonds.
Nach einer Serie von Krisen in den vergangenen Jahren muss die Welt nach Ansicht von IWF-Chefin Kristalina Georgieva widerstandsfähigere Strukturen aufbauen. Schocks würden künftig nicht verschwinden, sondern häufiger auftreten.
"Ich mache mir Sorgen, dass wir noch nicht vollständig verinnerlicht haben, dass die Welt künftig so sein wird", sagte Georgieva im "Bloomberg"-Podcast "Leaders with Francine Lacqua". "Wir werden nicht an einen Punkt gelangen, an dem Schocks verschwunden sind."
Krisen prägen die Amtszeit
Georgieva steht seit 2019 an der Spitze des in Washington ansässigen Internationalen Währungsfonds (IWF). In dieser Zeit musste sie die Organisation durch die Covid-Pandemie, den Ukraine-Krieg, die Turbulenzen rund um Zölle und nun auch den Konflikt im Nahen Osten führen.
Der IWF verfügt über eine Kreditkapazität von knapp einer Billion US-Dollar. Ihre Aufgabe sei es, wie sie erklärte, die 191 Mitgliedsländer des Fonds darauf zu fokussieren, gemeinsam zum Wohle der Weltwirtschaft zu handeln. "Unsere beste Waffe ist eine objektive Analyse", sagte sie.
Warnung vor Fehlern im Umgang mit KI
Eine der größten laufenden Veränderungen sei die Verbreitung künstlicher Intelligenz und deren Auswirkungen auf Arbeitsmärkte und Volkswirtschaften. Georgieva räumte ein, dass Institutionen wie der IWF die Ungleichheiten, die durch die Globalisierung entstanden seien, nicht ausreichend berücksichtigt hätten. Dies dürfe sich bei KI nicht wiederholen.
"Wir alle gemeinsam, einschließlich des Fonds, haben den Widerstand gegen die Globalisierung nicht ausreichend gewürdigt, der daraus entstand, dass sich die Weltwirtschaft zwar insgesamt besser entwickelte, viele Regionen aber ausgehöhlt wurden, weil Arbeitsplätze verschwanden und diesen Menschen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde", sagte sie. "Was ich auf keinen Fall noch einmal erleben möchte, ist dasselbe bei der künstlichen Intelligenz."
Neuer Konjunkturausblick im Juli
Der IWF wird seinen Ausblick für die Weltwirtschaft im Juli aktualisieren. Im April hatte der Fonds seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr angesichts des Konflikts im Nahen Osten nach unten korrigiert.
Neben den Konjunkturprognosen erstellt der Währungsfonds im Rahmen seiner Überwachungsfunktion auch regelmäßige Länderanalysen.
Russland-Prüfung sorgt für Kritik
2024, zwei Jahre nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine, kündigte der IWF an, erstmals seit Kriegsbeginn wieder eine reguläre Überprüfung der russischen Wirtschaft vorzunehmen. Dabei handelt es sich um die sogenannte Artikel-IV-Konsultation.
Der Schritt stieß bei mehreren EU-Staaten auf Kritik. Sie warfen Georgieva vor, dass ein wirtschaftspolitischer Dialog mit Russland die Bemühungen des Kreml zur Umgehung von Sanktionen legitimieren könnte. "Das war ein sehr heikler Moment, weil auf beiden Seiten bombardiert wurde. Wir haben uns deshalb für eine Verschiebung entschieden", sagte Georgieva. "Wir müssen Daten zu Handel, Importen und Exporten sammeln. Russland war sehr zurückhaltend bei der Bereitstellung dieser Daten."
Unterstützung für die Ukraine
Gleichzeitig stellte Georgieva klar, dass die regulären Bewertungen Russlands irgendwann wieder aufgenommen würden, ohne jedoch einen konkreten Zeitpunkt zu nennen.
Der IWF unterstützt die Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskriegs mit Finanzhilfen, die an Reformauflagen geknüpft sind. Dazu gehören ein Programm über 15,6 Milliarden Dollar aus dem Jahr 2023 sowie ein weiteres Programm über 8,1 Milliarden Dollar in diesem Jahr. (mb/Bloomberg)















