Der lange Bullenmarkt und die Rekordkurse an den Aktienmärkten machen manch einen Beobachter nervös – und nicht zuletzt ist mit Angst-Szenarien leicht Aufmerksamkeit zu gewinnen. Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management, nimmt das erhöhte Aufkommen von Crash-Prognosen mit gelassenem Humor: "Es ist sicher einer der unbeliebtesten Bullenmärkte der letzten Jahrzehnte. Irgendwann werden die Crash-Auguren auch Recht haben. Aber die Frage ist ja, welche Entwicklung die Märkte bis dahin noch machen", sagt Galler im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE.

"Taktisch sind wir 2018 immer noch pro Risiko eingestellt. Wir mögen Aktienrisiken und gewichten Aktien gegenüber Anleihen über fast alle Regionen hinweg höher", so Galler. So sei etwa die Korrelation der länderübergreifenden Aktienmärkte derzeit sehr tief – ein positiver Faktor also für das Risiko im Portfolio. Und das "Goldilocks-Szenario" mit moderatem Wirtschaftswachstum und geringer Inflation werde die gute Stimmung weiter in 2018 hineintragen. "Es gibt wenig bis keine Anzeichen für eine Abkühlung", so Galler.



Volatilität steigt
Allerdings müsse man sich auf ein Ende der "außergewöhnlichen Ruhe“ an den Märkten einstellen. "Die Volatilität, die historisch betrachtet sehr tief ist, wird zunehmen. Das heißt nicht, dass das negativ sein muss. Wir gehen von einem positiven Umfeld für Risiko aus. Aber die Sharpe Ratios sind sicher weniger vorteilhaft", so Galler. Was Anleihen betrifft, lasse die Liebe zu High Yield etwas nach. Die langanhaltende Tiefzinsphase habe zu Risikoappetit und Blasengefahr geführt.

"Bank of Japan wirkt wie ein Magnet"
Für die große Frage der Entwicklung des globalen Zinsumfeldes seien 2018 drei Vorgaben entscheidend.: Zum ersten die Zentralbankpolitik: "Außerhalb der Fed wird kaum eine der großen Notenbanken die Zinsen erhöhen", so Galler. Zum zweiten sei die Bank of Japan (BoJ) "ein Anker für die Zinssituation". "Die BoJ wirkt mit ihrem Zinskurvenmanagement wie ein Magnet, der in anderen Regionen einen Anstieg bei den Staatsanleihen verhindert. Das lange Ende ist tief verankert. Da sollte man beobachten, ob die Politik verändert wird", rät Galler. Allerdings stehe man – und das ist der dritte Punkt, den es zu beachten gilt – bei der Liquidität 2018 "vor einer Gezeitenwende". "Wir müssen uns vom liebgewonnenen Umfeld verabschieden, wo die Zentralbanken die Kapitalmärkte mit Liquidität versorgt haben. Wenn die Fed bei der quantitativen Einschränkung bleibt, dann sehen wir Ende 2018, Anfang 2019 schrumpfende Zentralbankbilanzen".

Zinsstrukturkurve als Menetekel?
Mit Aufmerksamkeit müsse man auch die Entwicklung der Zinsstrukturkurven beobachten: Die USA befinden sich gerade in der Situation, wo die kurzfristigen Zinsen steigen, die langfristigen aber sinken; die Zinskurve flacht also ab, was in der Regel als Anzeichen für eine kommende Rezession gewertet wird. "Eine Verflachung ist nicht per se negativ. Der Zyklus der Konjunktur in den USA ist einfach reifer", sagt Galler.

Ein Warnsignal sei es aber, wenn die Kurve sich invertiert, wenn also die Zinsen für langjährige Anlagen tiefer sind als für kurzfristige Anlagen. J.P. Morgan AM hat hier Berechnungen angestellt, die bis in die 1970er Jahre zurückgehen: Sinkt die Rendite für zehnjährige US-Staatsanleihen abzüglich des US-Leitzinses auf einen Wert von Null, hat es meist rund ein Jahr gedauert, bis das Land in eine Rezession eintauchte. (eml)