Die wohl schlimmste globale Wirtschaftskrise seit der Großen Depression soll nicht zuletzt durch das entschlossene Eingreifen der Notenbanken bekämpft werden. Doch wie wirksam sind die Mittel des Monetary Easing wirklich? Zeigen sie nach den bereits erfolgten Eingriffen im Rahmen der Finanz- und Eurokrise überhaupt noch Wirkung? Oder sind sie gar kontraproduktiv?

Mit einem Blick über einen Anlagehorizont von zehn bis 15 Jahren in die Zukunft ist J.P. Morgan Asset Management genau diesen Fragen nachgegangen. Dafür wurden sechs allgemeine Mechanismen berücksichtigt, mit denen niedrigere Zinsen die Nachfrage innerhalb der Wirtschaft beeinflussen. "Unsere Analyse zeigt, dass langfristig der Preis-, Vermögens- und Währungseffekt durch die geldpolitischen Anreize überwiegend positiv ausfällt, während der Einkommens-, Vertrauens- und Erwartungseffekt überwiegend negativ ausfällt“, erklärt Tilmann Galler, Kapitalmarktstratege bei J.P. Morgan Asset Management.

Die anhaltende Lockerung der Geldpolitik dürfte demnach im kommenden Jahrzehnt zu einem langsamen Wachstum und langfristig niedrigen Realzinsen beitragen. Deshalb sei es nicht unwahrscheinlich, dass die weitreichenden geldpolitischen Lockerungen, die nun die Bilanzen der Zentralbanken weiter aufblähen, die Weltwirtschaft nicht stärken, sondern langfristig noch weiter schwächen werden.

Viel Licht...
Bei der Analyse wurden sechs allgemeine Transmissionsmechanismen untersucht, mit denen niedrigere Zinsen die Nachfrage innerhalb der Wirtschaft beeinflussen. Positiv wirkt beispielsweise der Preiseffekt: Demnach führen niedrigere Zinsen zu günstigeren Krediten. Und dass sich Sparen weniger lohnt, weil Guthaben unattraktiver werden, förder zumindest theoretisch Investitionen repektive den Konsum.

Darüber hinaus gibt es einen Vermögenseffekt, da niedrigere Zinsen die Anlagekurse und damit die Vermögensentwicklung beflügeln, was den Konsum ebenfalls stärkt. Nicht zuletzt kann ein Währungseffekt erfolgen, wenn niedrigere Zinsen zur Abwertung einer Währung führen könnten. Dadurch steigen die Exporte, und die Importe werden reduziert. "Die positive Wirkung dieser Effekte hat aus unserer Sicht zuletzt abgenommen. In den USA zum Beispiel hat das verarbeitende Gewerbe an Bedeutung verloren, da der Beschäftigungsanteil seit den 1950er-Jahren von über 30 Prozent auf weniger als neun Prozent gesunken ist. Deshalb tragen niedrigere Zinsen heute weniger zur Steigerung der Investitionsausgaben bei als früher“, erklärt Galler.

...,aber auch reichlich Schatten
Nachteilig wirkt sich indes ein negativer Einkommenseffekt aus. Die niedrigeren Zinsen schmälern die Erträge der Sparer deutlich – und zwar potenziell stärker, als sich zeitgleich die Kreditkosten reduzieren. Hinzu kämen psychologische Einflüsse, erläutert Galler. Dazu gehöre der Vertrauenseffekt, wonach die Verbraucher und Unternehmen besorgt sind, wenn eine Zentralbank gezwungen ist, die Zinsen zu senken, um die Wirtschaft zu stützen. Beim Erwartungseffekt gehen Kreditnehmer davon aus, dass heutige Zinssenkungen einen weiteren Rückgang der Zinsen in der Zukunft nach sich ziehen werden, sodass sie auf noch niedrigere Zinsen warten, bevor sie einen Kredit aufnehmen.

"Durch die immer noch vorherrschenden verzinslichen Vermögenswerte von Privathaushalten in Form von Spareinlagen, Tagesgeldern und kaum verzinsten Staatsanleihen, die 50 Prozent höher sind als die verzinslichen Verbindlichkeiten, erhöht sich der negative Effekt niedrigerer Zinsen auf die Sparer“, betont Tilmann Galler. "Auch der psychologische Effekt einer geldpolitischen Lockerung ist nicht zu vernachlässigen, denn die Verbraucher sind durch Zinssenkungen verunsichert. Wenn sie eine Rezession befürchten, ist nicht zu erwarten, dass sie große Ausgaben tätigen oder gar Kredite aufnehmen“, betont Galler.

Das Fazit der Langzeitbetrachtung: "Die Dosis macht wie immer das Gift. Wenn die Zentralbanken ihre Maßnahmen zu lange laufen lassen, werden sie auf Dauer entweder ineffektiv oder sogar kontraproduktiv. Dies führt langfristig zu einem langsamen Wachstum und anhaltend niedrigen Realzinsen“, analysiert Galler. (hw/ps)