Klaus Kaldemorgen sieht die enormen Investitionen in die KI-Infrastruktur als möglichen Schwachpunkt des KI-Booms. "Ich glaube, der kritische Punkt ist nicht so sehr KI, sondern der kritische Punkt sind im Augenblick die Ausgaben für die Datencenter", sagte der Kapitalmarktstratege der DWS und Namensgeber des Multi-Asset-Fonds DWS Concept Kaldemorgen am Dienstag (25.8.) vor Journalisten in Frankfurt. Niemand wisse genau, wie viel zusätzliche Kapazität tatsächlich benötigt werde und ob sich die Rechenzentren am Ende rechneten. 

Als historische Parallele verwies Kaldemorgen auf den Eisenbahnboom in den USA im 19. Jahrhundert. Große Infrastrukturinvestitionen folgten häufig einem "Schweinezyklus": Zunächst würden massiv Kapazitäten aufgebaut, bei einer Sättigung der Nachfrage die Ausgaben wieder zurückgefahren. Das könne zu Verwerfungen an den Kapitalmärkten führen. 

Eine ähnliche Entwicklung hält er beim KI-Ausbau für möglich. Die stark steigenden Ausgaben für Rechenzentren könnten bereits zurückgehen, bevor die Produktivitätseffekte der Technologie in der Breite sichtbar werden. "Die Frage ist: Ist das in einem Jahr, ist das in zwei Jahren? Das wird natürlich für Verwerfungen sorgen, vor allen Dingen erst mal bei den sogenannten Zulieferern der Datacenter." Besonders betroffen wären aus seiner Sicht Chipproduzenten. 

Weniger Ausrüster, mehr Hyperscaler
Das Management des DWS Concept Kaldemorgen hat seine Positionierung bereits angepasst. Der Anteil KI-bezogener Titel war durch Kursgewinne zeitweise auf rund 40 Prozent des Aktienportfolios gestiegen. Ende Mai wurde er auf etwa ein Drittel reduziert. Zugleich verlagerte das Team den Schwerpunkt von KI-Ausrüstern stärker zu Hyperscalern. 

Langfristig könnten nach Kaldemorgens Einschätzung zunehmend die Anwender der Technologie profitieren. "Durch die KI und die dort gemachten Angebote muss irgendjemand Geld verdienen. Das wird die Industrie sein. Das werden Dienstleister sein, Banken, Versicherer etc., die einen dadurch erhöhten Produktivitätsfortschritt haben." Dieser sollte letztlich zu höheren Gewinnen bei Nutzern und Anbietern von KI führen. 

Eine neue Finanzkrise erwartet Kaldemorgen trotz möglicher Überinvestitionen nicht. Auch die Parallele zur Dotcom-Blase hält er für begrenzt: Damals seien viele Geschäftsmodelle noch nicht etabliert und nicht profitabel gewesen. Die führenden Technologiekonzerne seien heute dagegen hochprofitabel und wenig verschuldet.  

Der DWS Concept Kaldemorgen hält derzeit etwas mehr als 40 Prozent seines Portfolios in Aktien. Mehr als 15 Prozent des Gesamtportfolios entfallen auf US-Aktien, rund 20 Prozent auf die Eurozone. 

"Wäre schade, wenn man das verpassen würde"
Wie positiv Kaldemorgen Aktien langfristig beurteilt, verdeutlichte er mit einem Rechenbeispiel. Deutsche Aktien hätten in den vergangenen 20 Jahren inklusive Dividenden rund acht Prozent jährlich erwirtschaftet. Schreibe man diese Entwicklung für weitere 20 Jahre fort, komme man rechnerisch auf einen Dax von 125.000 Punkten. 

"Und das wäre schade, wenn man das verpassen würde, nur weil man mal kurzzeitig nervös ist", sagte Kaldemorgen. Die 125.000 Punkte sind dabei kein Kursziel der DWS, sondern eine Fortschreibung der historischen Rendite. (dv)