Seit es Börsen gibt, wird gelogen, dass sich die Balken biegen. "Wertpapierhandel auf Basis von Insiderinformationen, falschen Unternehmenszahlen und irreführenden Finanznachrichten waren bis in die 1920er Jahre sogar die Regel", erklärt Karl-Heinz Thielmann vom Analysehaus Long-Term Investing. Dass 2019 an organisierten Umschlagplätzen mit ihren strengen Reglements, klaren Bilanzierungs- und Berichtspflichten sowie ihren Sanktionsmöglichkeiten Betrüger keine Chance mehr haben, ist allerdings eine Mär. Gerade in den letzten beiden Dekaden sei es zu einer Häufung von Unternehmenskrisen gekommen, die ihre Wurzeln in frisierten Zahlen hatten.

"Nach 2000 kollabierten im Nachgang des Börsenbooms der 90er nicht nur zahllose Internet-Start-ups, sondern auch viele etablierte Konzerne wie Philipp Holzmann, Enron, Worldcom, Tyco, Health South und Parmalat", ruft Thielmann in Erinnerung. Die Finanzkrise 2008 legte dann eine Phalanx von "Fake Earnings" in der Finanzindustrie bloß: "Lehman Brothers brach zusammen, die Rettung von AIG, Hypo Real Estate, Royal Bank of Scotland und vielen anderen Instituten kostete Milliarden an Steuergeldern und Aktionärsvermögen."

Besser ist es seither nicht geworden: Obwohl nach Verabschiedung des Sarbanes-Oxley-Acts von 2002 zumindest Vorstände von Firmen mit US-Börsennotiz Angst vor harter Strafverfolgung haben müssen, werde immer noch kräftig bei der Ermittlung und Publikation von Erträgen geschummelt. "Immer wieder werden gravierende Täuschungsfälle aufgedeckt, die darauf beruhen, dass börsennotierte Firmen ihre Ertragslage mit 'Fake Earnings' schönrechnen, um 'Fake Performance' zu produzieren", stellt der Finanzmarktkenner fest – und das mit Zutun oder Wegsehen vermeintlich kompetenter Beobachter.

Manipulation hat Methode
Dass der Zahlenschwindel System hat, belegt eine Studie des Analystenverbandes CFA von 2016. "Die kam zum Ergebnis, dass circa 20 Prozent der 400 größten US-Unternehmen ihre Zahlen absichtlich manipulieren, um gegenüber Anlegern besser dazustehen", erläutert Thielmann – und zerstört Hoffnungen, der Bilanzbeschiss sei ein US-spezifisches Delikt: Aufgedeckt worden seien spektakuläre Fälle von Fake Earnings zum Beispiel 2015 bei Valeant und Toshiba sowie 2017 bei Fuji Xerox, Steinhoff International und Carrillion. Auch aktuell vergehe kein Monat, in dem nicht irgendein Großkonzern eingestehen müsse, dass sein vorgeblicher Erfolg nur das Resultat kreativer Buchführung war. Insbesondere gegen Wachstumsunternehmen würden immer wieder Vorwürfe laut, dass ihre Investmentstories auf manipulierten Zahlenwerken beruhen, so Thielmann.

Woran liegt's? Die Möglichkeiten auf Firmenseite, irreführende Finanzmeldungen zu produzieren, habe in den vergangenen Jahren eher zu- als abgenommen, stellt der Investmentprofi fest. "Die Gründe sind das andauernde Versagen von Wirtschaftsprüfern, Missbrauchsmöglichkeiten beim Fair-Value-Accounting sowie die zunehmende Verwendung von bereinigten Gewinnen bei der Ertragsberichterstattung." Was mindestens ebenso schwer wiegt: Simultan seien die Fähigkeiten außenstehender Finanzmarktakteure, Falschmeldungen als solche zu entlarven, gesunken.

Kontrolleure als Komplizen
Eine unselige Rolle spielt laut Thielmann hierbei die Zunft der Wirtschaftsprüfer. Bei allen Bilanzskandalen hätten sie offensichtliche Rechnungslegungsfehler entweder großzügig übersehen oder seien sogar aktiv an den Betrugsvorhaben beteiligt gewesen. "Offenbar fatal ist, dass Prüfer Unternehmen immer weniger als kritisch zu beurteilendes Prüfungsobjekt betrachten, sondern immer mehr als Kunden verstehen, dem man dienen möchte – insbesondere, wenn dieser zusätzlich zur Prüfung auch noch viele und teure Beratungsleistungen einkauft."

Das gelte in besonderem Maße für die sogenannten "Big Four" KPMG, EY, PwC und Deloitte. Ob härtere Sanktionen oder Berufsverbote, wie sie bei der in den Enron-Skandal verwickelten Buchprüfer von Arthur Anderson verhängt wurden, angesichts eines summierten Anteils der "Big Four" von 80 Prozent am Markt für Wirtschaftsprüfungen etwas brächten, zieht Thielmann in Zweifel. Überlegungen, das Oligopol aufzubrechen, gebe es in Großbritannien und anderen Ländern durchaus. Doch das Grundübel bleibe bestehen: "Einerseits sollen Unternehmen im Interesse ihrer Kapitalgeber unabhängig und objektiv geprüft werden. Andererseits sind die Prüflinge zahlende Kunden, die man zufriedenstellen möchte."

Es kommt noch schlimmer. Denn sonstige zur kritischen Inaugenscheinnahme berufsmäßig befähigte Beobachter neigen ebenfalls zunehmend dazu, Probleme professionell zu übersehen.

"Berufsblinde" Beobachter allenthalben
Fondsmanager stünden heutzutage unter enormem Druck. Ihr Auftrag, langfristig Performance zu erwirtschaften, werde in der Praxis auf Basis ihrer kurzfristigen Erfolge beurteilt, stellt Thielmann fest. "Sie sollen in Outperformer investieren, egal ob deren überdurchschnittliche Wertentwicklung auf einem überlegenen Geschäftsmodell oder auf manipulierten Zahlen basiert."

Finanzanalysten – seit dem Start der Mifid-II-Regeln und der durch sie ausgelösten Debatte um die Angemessenheit von Researchkosten unter permanentem Rechtfertigungszwang – riskieren durch die Veröffentlichung von "unerwünschten" Researchergebnissen mehr denn je ihren Job. Das wissen Unternehmenslenker auszunutzen: "Viele gewähren im Rahmen ihrer Investor-Relations-Arbeit nur noch positiv gestimmten Analysten Zugang zu Informationen wie beispielsweise persönliche Kontakte zum Management. Hingegen werden negativ gestimmte Analysten gerne abgeblockt", weiß Thielmann zu berichten.

"Vierte Staatsgewalt" ist ohnmächtig
Und was ist mit der ach so kritischen Pressemeute? In Finanzbelangen mangels Vorbildung chronisch harmlos, ist die in Zeiten nachlassender Auflagen zunehmend zahnlos geworden.

Journalisten hätten immer schon einen schlechteren Zugang zu Unternehmensinformationen als Fondsmanager oder Analysten gehabt. "Jetzt stehen sie in einem schrumpfenden Mediensektor unter steigendem kurzfristigen Publikationsdruck, der sie von umfangreichen und zeitaufwendigen Recherchen abschreckt." Auch könnten sie und ihre Arbeitgeber wegen Verleumdung verklagt werden, verfügten aber oft nicht über die Finanzkraft, sich juristisch dagegen zu wehren.

Misstrauen ist gesund
Was hilft gegen die Zahlen-Scharlatane? "Man sollte sich stets bewusst sein: Die erfolgreichsten und damit gefährlichsten Schwindler sind diejenigen, die es schaffen, dass jeder sie für grundehrlich und zuverlässig hält", so Thielmann. Meisterhaften Blendern gelingt es, in der Öffentlichkeit eine sogenannte Sehnsuchtsblindheit zu erzeugen: Störende Fakten nimmt ihr berauschtes Publikum dann nicht mehr wahr. "Der Verhaltenspsychologe Dan Ariely hat darauf hingewiesen, dass die überzeugendsten Betrüger diejenigen sind, die ihre eigenen Lügen irgendwann selbst glauben." 

Der wirksamste Schutz sei es, sich mental darauf einzustellen, dass man an der Börse betrogen werde. Nur dann könne man im Betrugsfall noch schnell genug reagieren, um Schlimmeres zu verhindern, "auch wenn es psychologisch schwerfällt, sich als Anleger einzugestehen, dass man auf Fake Earnings beziehungsweise Fake Performance hereingefallen ist." (ps)