Lagardes düstere Warnung: Drohen die Fehler der 1920er?
EZB-Präsidentin Christine Lagarde warnt vor einer zunehmenden geopolitischen Fragmentierung der Weltwirtschaft. Gerade im Zeitalter künstlicher Intelligenz brauche es neue Formen internationaler Zusammenarbeit, um Innovation und globales Wachstum zu sichern.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat die politischen Führungen der Welt dazu aufgerufen, einen "grundlegenden Verhaltenskodex" für die Zusammenarbeit zu entwickeln. Gerade in einer Zeit, in der technologische Innovation Kooperation erfordere und geopolitische Fragmentierung hohe Kosten verursache, sei dies besonders wichtig.
Lagarde sagte, die bröckelnde Weltordnung erinnere zusammen mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz an die 1920er Jahre. Damals seien bahnbrechende Technologien entstanden, während gleichzeitig die Folgen des Ersten Weltkriegs die globalen Finanzbeziehungen belasteten.
Parallelen zu den 1920er Jahren
"Wir können die Fehler der 1920er Jahre wiederholen und Technologie und Geopolitik als getrennte Entwicklungen behandeln, bis sie zwangsläufig aufeinanderprallen", sagte sie am Donnerstag (5.3.) in einer Rede in Bologna. "Oder wir können eine gestufte Zusammenarbeit anstreben und erkennen, dass in einer Zeit systemischer Unsicherheit eine widerstandsfähige Integration die robusteste Strategie ist."
Drei Schritte für mehr Kooperation
Lagarde schlug vor, bestehende globale Institutionen zu reformieren, die Zusammenarbeit unter Verbündeten zu vertiefen und praktikable Wege für den Umgang mit Rivalen zu finden. Letzteres bezeichnete sie als den schwierigsten, zugleich aber wichtigsten Teil ihres dreistufigen Ansatzes.
Die EZB-Chefin äußerte sich nur wenige Tage, nachdem die USA und Israel einen Krieg mit dem Iran begonnen haben, der den gesamten Nahen Osten zu erfassen droht. Lieferketten und Energieexporte stehen unter Druck – was Befürchtungen schürt, die Inflation könnte anziehen und das Wirtschaftswachstum schwächer ausfallen.
Warnung vor zunehmender Fragmentierung
Der Iran-Konflikt ist das jüngste Kapitel in der Umgestaltung der internationalen Ordnung durch US-Präsident Donald Trump, der mit Instrumenten wie Zöllen US-Interessen durchsetzen will – auch angesichts der Herausforderungen durch Länder wie China. Lagarde betonte, es liege im Interesse aller – auch im Interesse Trumps –, eine weitere Fragmentierung zu vermeiden, damit die Vorteile technologischer Innovation genutzt werden können.
"Je zentraler künstliche Intelligenz für das globale Wachstum wird, desto kostspieliger wird geopolitische Fragmentierung für das System – und daraus ergibt sich ein Paradox, das wir nicht ignorieren können", sagte sie. "Genau in dem Moment, in dem die Argumente für internationale Zusammenarbeit am stärksten sind – wenn die potenziellen Gewinne aus Integration größer sind als je zuvor in lebender Erinnerung –, ist der Wille zur Kooperation am schwächsten."
Risiko wirtschaftlicher Selbstschädigung
Das sei ein Fehler, argumentierte Lagarde. "Jede große Volkswirtschaft, einschließlich der USA, hat ein unmittelbares und dringendes Interesse daran, Fragmentierung einzudämmen – nicht aus Verbundenheit mit der globalen Ordnung, sondern weil die Alternative wirtschaftliche Selbstschädigung wäre." Lagarde räumte ein, dass Wege zur Zusammenarbeit zu finden nicht einfach sein werde. Ihr Ansatz werde jedoch "die Widerstandsfähigkeit bieten, die eine Welt echter Unsicherheit verlangt".
"Multilaterale Reformen werden langsam voranschreiten. Bündnisse unter Verbündeten werden politische Rückschläge erleben. Die Zusammenarbeit mit Rivalen wird bei jeder Eskalation auf die Probe gestellt werden", sagte sie. "Doch wenn eine Ebene schwächer wird, tragen die anderen. Das ist die Logik einer gestuften Zusammenarbeit – und sie ist unsere robusteste Antwort auf die Unsicherheit unserer Zeit." (mb/Bloomberg)















