Beim Handel mit Anleihen sollten die Transaktionen und erzielten Preise zentral erfasst und allen Marktteilnehmern zügig zur Verfügung gestellt werden. Dies fordert Pasquale Capasso, Leiter ETF Kapitalmärkte für die Region Europa, Nahost und Afrika bei der Fondsgesellschaft Invesco, in einem Thesenpapier. Mit so einer Reform soll eine höhere Transparenz sowie eine aktuellere und akkuratere Preisfindung an den Rentenmärkten erreicht werden. Der Kauf und Verkauf von festverzinslichen Papieren läuft überwiegend nicht über Börsen, sondern abseits davon "Over the Counter" (OTC).

Hintergrund des Appells ist die Diskrepanz zwischen den Preisen börsengehandelter Indexfonds (ETFs) auf Anleihen und dem Gesamtwert der in den ETFs enthaltenen Wertpapiere. Im Zuge der coronabedingten Finanzmarktturbulenzen war es zeitweise zu erheblichen Abweichungen zwischen dem Nettoinventarwert (NAV) und den ETF-Preisen gekommen. Kritiker sahen dies als Beleg dafür, dass ETFs zumindest im Rentenbereich  problematisch seien.

"Liquiditätstest mehr als bestanden"
Die Indexfonds-Anbieter wiederum sehen den Grund für die Diskrepanzen nicht bei den Vehikeln, sondern vielmehr in der Struktur des Anleihemarkts selbst. "ETFs haben diesen Liquiditätstest nicht nur bestanden, sondern gezeigt, dass sie den eigentlichen Wert der zugrunde liegenden Anleihen sogar besser reflektieren", meint Capasso. Denn der Nettoinventarwert eines Fonds sei im Anleihenbereich nicht mit dem fairen Wert gleichzusetzen. Da Anleihen außerbörslich gehandelt werden, gebe es keine offiziellen Schlusskurse wie an den Aktienmärkten. Daher müsse der Nettoinventarwert anders ermittelt werden.


Warum der Anleihenhandel im Corona-Crash austrocknete und wie ETFs damit umgingen, lesen Sie im Heft 2/2020 von FONDS professionell. Angemeldete KLUB-Mitglieder finden die Artikel "Dramatische Dürre" und "Schwieriges Terrain" auch hier im E-Magazin.


Die ermittelten Bondpreise setzen sich daher oftmals aus Schätzungen verschiedener Händler zusammen, führt Capasso weiter aus. Erschwerend komme hinzu, dass nur für einen kleinen Teil der Rentenpapiere täglich Preise gestellt würden. Dadurch könne der Preis einer Anleihe mehrere Tage alt sein. Hinzu komme, dass in einigen Anleihemärkten zum Teil gar nicht alle Transaktionen erfasst und gemeldet werden. Das mache es selbst in normalen Zeiten schwierig, den wirklichen Wert einer Anleihe zu bestimmen – und in einem volatilen Marktumfeld noch mehr.

"Wo der faire Preis liegen sollte"
Dagegen hätten die ETFs gezeigt, dass sie auch unter schwierigsten Bedingungen handelbar bleiben und liquider sind als einige andere Produkte – in vielen Fällen sogar als die zugrundeliegenden Anleihemärkte selbst, argumentiert Capasso. "Damit dienten sie quasi als Preisfindungsinstrument, das Investoren einen Eindruck davon vermittelt, wo der faire Preis liegen sollte." Zu ähnlichen Schlüssen waren zuvor auch Analysen anderer Anbieter, etwa von Blackrock, der DWS oder State Street, sowie von der Bank für internationalen Zahlungsausgleich gekommen.

Das Grundproblem bleibt der intransparente Handel und die über den Daumen gepeilte Preissetzung bei Anleihen. "Wir hoffen, dass diese Analyse den Anstoß für wichtige Anpassungen der Marktstruktur der Anleihemärkte und Verbesserungen zum Schutz der Investoren gibt", resümiert Capasso. (ert)