Martin Lück: Warum Anleger jetzt auf "Broadening" setzen sollten
Geopolitik sticht Konjunktur: Franklin-Templeton-Chefstratege Martin Lück ordnet den Iran-Konflikt, Ölpreisrisiken und Zinsfragen ein – und plädiert für "Broadening": mehr Diversifikation über Regionen, Sektoren und Anlageklassen hinweg.
Martin Lück, Chef-Kapitalmarktstratege für Deutschland und Österreich von Franklin Templeton, hat bei einem Vortrag in Wien die politische Unsicherheit ins Zentrum seines Ausblicks gestellt. Klassische Themen wie Rezessionswahrscheinlichkeiten oder Zentralbankzinsen seien zwar weiterhin relevant – in der aktuellen Gemengelage aber nur begrenzt hilfreich. Er verwies in diesem Zusammenhang auf den "Economic and Trade Policy Uncertainty Index".
Dieser Indikator zeige aus seiner Sicht, wie stark Politik und Geopolitik inzwischen auf Makro- und Kapitalmärkte einwirkten. "Wir leben in so unsicheren Zeiten wie überhaupt noch nie", sagte er. In den vergangenen rund 30 Jahren seiner intensiven Marktbeobachtung habe es "einen so starken Einfluss von Politik und gerade auch von Geopolitik" auf die Märkte in dieser Form nicht gegeben.
"Broadening": Breiter aufstellen – auch über Aktien hinaus
Aus dem Umfeld hoher Unsicherheit leitete Lück das zentrale Thema ab, das Franklin Templeton für 2026 definiert habe: "Broadening". Dahinter steckt die Empfehlung, Portfolios noch breiter zu diversifizieren – nicht nur innerhalb des Aktienmarkts, sondern auch über Anlageklassen hinweg. Lück sprach dabei explizit Klumpenrisiken an, etwa die starke Konzentration vieler Portfolios auf US-Technologiewerte. Gleichzeitig gehe es darum, "eben auch über die Assetklasse Aktien hinaus in andere – inklusive weniger liquide Assetklassen – zu diversifizieren".
Als Beispiel nannte Lück Edelmetalle: "Letztes Jahr wäre es zum Beispiel eine gute Idee gewesen, auch in Edelmetalle zu diversifizieren." In unsicheren Phasen könne eine breitere Streuung helfen, Abhängigkeiten von einzelnen Regionen, Sektoren oder Marktsegmenten zu reduzieren.
Iran: Warum gerade jetzt – und was bedeutet "Regime Change"?
Lück verließ anschließend bewusst sein vorbereitetes Skript und widmete sich ausführlich dem Konflikt um den Iran. Ausgangsfrage: "Warum machen die das gerade jetzt?" Der Iran sei "nicht erst seit gestern eine veritable Bedrohung" – dennoch sei die aktuelle Eskalation zeitlich auffällig.
Als mögliche Motive nannte er mehrere Faktoren. Innenpolitisch stehe US-Präsident Donald Trump unter Druck, unter anderem durch Debatten im eigenen Lager. Hinzu komme Gegenwind nach der Niederlage beim Zollthema. Gleichzeitig erkennt Lück eine aus US-Sicht "historische Gelegenheit", weil wichtige Akteure in der Region – insbesondere Israel und Saudi-Arabien – derzeit stark auf US-Linie lägen.
Ein weiteres Element seien ökonomische Eigeninteressen einzelner Akteure. Lück verwies auf Verhandler und Personen aus Trumps Umfeld und sagte: "Ich glaube also, dass es hier tatsächlich um den Schutz eigener Interessen geht, eigener Business-Interessen für Friends and Family." Schließlich habe es nachrichtendienstliche Hinweise gegeben, dass sich eine iranische Führungsgruppe zu einem bestimmten Zeitpunkt in Teheran treffen würde – eine Gelegenheit, die militärisch genutzt worden sei.
Besonders brisant sei, dass Trump den Begriff "Regime Change" benutzt habe. "Er hat gesagt, wir wollen einen Regimewechsel haben", so Lück. Ein Wechsel dieses "furchtbaren Regimes" sei zwar aus moralischer Sicht nachvollziehbar, doch die militärische Konsequenz könne erheblich sein: "Wenn wir über Regime Change reden, dann reden wir über einen Landkrieg." Genau das stehe jedoch im Widerspruch zu Trumps Versprechen aus dem Wahlkampf, sich aus Kriegen herauszuhalten.
US-Track-Record und das "Venezuela-Modell"
Lück erinnerte daran, dass die Erfolgsbilanz der USA bei Regimewechseln historisch schwach sei. "Dieser Track Record ist nicht gut", sagte er. Als klare Ausnahme nannte er das Jahr 1945 in Deutschland, wo das "relativ erfolgreich gelaufen" sei.
Deshalb hält Lück es für wahrscheinlicher, dass Washington die Kriegsziele pragmatisch enger fasst. Er skizzierte ein Szenario, das er "Venezuela-Modell" nennt: Nach starken Erstschlägen und dem Austausch zentraler Figuren könne es zu einem Deal mit einer neuen Führungsschicht kommen – ohne dass die USA Bodentruppen entsenden oder in einen langjährigen Krieg geraten. "Das wäre meine Vorhersage", so Lück. Wenn dieses Szenario eintrete, "dann wird dieser Krieg tatsächlich nur noch wenige Wochen dauern".
Ölpreis, Inflation, Zinsen: Risiken – aber kein 70er-Jahre-Schock
Kurzfristig seien Marktreaktionen dennoch sichtbar. Lück verwies darauf, dass der Ölpreis "praktisch täglich steigt" und dass die Sorge um eine Blockade der Straße von Hormus die Nervosität verstärke. Gleichzeitig relativierte er: Die Abhängigkeit der Weltwirtschaft von Öl sei heute geringer als in früheren Schocks. Zudem seien die Lagerbestände und strategischen Reserven hoch.
Die entscheidende Frage sei daher, ob ein möglicher Energiepreisschub die Inflation wieder anheizt – und damit die Notenbanken bremst. Lück stellte den Zielkonflikt vor allem für die USA heraus, wo die Fed besonders auf die Kerninflation blickt. Auch in Europa könnte ein längerer Konflikt Folgen für die Teuerung haben. Gleichzeitig warnte er vor einfachen Vergleichen mit 2022: Damals sei die Ausgangslage durch den "Inflationssockel" nach der Pandemie eine andere gewesen.
Seine vorsichtige Schlussfolgerung: Ein langer Konflikt liege nicht im Interesse der USA, weil er innenpolitisch hoch riskant wäre – auch mit Blick auf die Midterm Elections. Daher sei ein begrenzter Konflikt wahrscheinlicher, und in diesem Fall wären "die ökonomischen Implikationen absolut überschaubar". Für Anleger bedeute das: weniger auf Tagesbewegungen bei Öl oder Dollar starren, sondern die politische Dynamik verfolgen – und das Portfolio so aufstellen, dass es verschiedene Szenarien aushält. (mb)




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