Der globalen Wirtschaft geht es nicht sonderlich gut, und das liegt nicht etwa an "Long Covid". Bereits während der Finanzkrise im Jahr 2008 habe die Wirtschaft einen "schweren Herzinfarkt" erlitten, seither liege sie "in einer Art Wachkoma", schreibt Edgar Walk, Chefvolkswirt von Metzler Asset Management (Metzler AM), in einem aktuellen Marktausblick. Im laufenden Jahr spielen nun die Körperfunktionen plötzlich verrückt. Übersetzt heißt das: Holzpreise, Frachtraten, Stromtarife und andere "Vitalzeichen" schlagen heftige Kapriolen.

Ein Grund für die Achterbahnfahrt ist die wieder anziehende Nachfrage bei teils immer noch eingeschränkten Produktionskapazitäten. Vieles spricht dafür, dass die Weltwirtschaft mit der Post-Corona-Erholung einige Zeit überfordert sein wird, prophezeit Walk. "Entsprechend dürfte es noch bis Mitte nächsten Jahres dauern, bis eine nennenswerte Entspannung beginnt." Vor allem in Europa wird die Konjunktur wohl noch eine ganze Weile nur verhalten wieder anziehen.

Ein heilsamer Schock
Die sich abzeichnende Energie- und Lebensmittelkrise hat laut dem Metzler-Ökonomen strukturelle Gründe. "Der Klimawandel beeinträchtigt immer stärker die Lebensmittelproduktion weltweit, und die Weltbevölkerung wächst", warnt er. Um Innovationen zu fördern und für eine Anpassung des Lebensmittelkonsums zu sorgen, wären eigentlich weiter steigende Lebensmittelpreise nötig. Die würden allerdings den sozialen Frieden in ärmeren Ländern bedrohen.

Insgesamt steht ein weiterer Anstieg der Inflation ins Haus, schätzt Walk. Ausgerechnet diese Entwicklung könnte seiner Einschätzung nach aber dafür sorgen, den Patienten aus dem Wachkoma zu holen. "Die Ärzte, also die Zentralbanker, werden dabei jedoch aufs Äußerste herausgefordert, da sie einerseits den Inflationsschock nicht zu groß werden lassen dürfen und ihn andererseits auch nicht zu schnell wieder abwürgen dürfen, da der Patient dann wieder ins Wachkoma fallen könnte", warnt er. (fp)