Der Krieg rund um den Iran sorgt an den Finanzmärkten für große Nervosität. Die Reaktionen folgen dabei allerdings nicht ganz dem aus früheren Krisen vertrauten Muster, sagt Serge Nussbaumer, Leiter Public Solutions und Kapitalmarktexperte bei Maverix Securities.

Öl notierte zeitweise deutlich über 100 US-Dollar je Fass, die Sorte Brent stieg zuletzt sogar kurzzeitig bis nahe 120 Dollar. Diese Mischung aus geopolitischem Risiko, realem Angebotsschock, Energiepreisanstieg und unklarer Eskalationsdynamik prägt derzeit die Märkte.

Sichere Anleihen unter Druck
Ungewöhnlich ist laut Nussbaumer, dass Staatsanleihen offenbar nur eingeschränkt als klassischer sicherer Hafen funktionieren. "In einem herkömmlichen Krisenmuster würden Anleger in großem Umfang in Staatsanleihen investieren, die Kurse würden steigen, und die Renditen würden fallen", so der Experte. Aktuell sei das Bild jedoch differenzierter: "Der Markt reagiert nicht nur auf die Krise selbst, sondern vor allem auch auf die Inflationsgefahr durch den neuen Ölpreissprung." Staatsanleihen würden derzeit stärker über den Inflations- und Zinsausblick gehandelt als über ihre reine Schutzfunktion.

Die Gefahr ist seiner Meinung nach konkreter geworden. "Von einem bloß hypothetischen Inflationsrisiko zu sprechen, wäre inzwischen zu defensiv", meint Nussbaumer. "Der Krieg hat das Risiko eines neuen Inflationsschubs bereits deutlich erhöht." Solange Öl so teuer bleibt, Transportwege im Golf gestört sind und Versicherungs- sowie Frachtkosten steigen, wachse die Gefahr von Zweitrundeneffekten. Er sagt: "Genau deshalb preisen die Märkte inzwischen nicht nur Unsicherheit, sondern auch das Risiko ein, dass Inflation wieder zäher wird und die Notenbanken länger vorsichtig bleiben müssen." 

Warum dieser Ölpreisschock anders ist als früher
Allerdings seien Ölpreisschocks heute nicht mehr eins zu eins mit früheren Krisen vergleichbar. Die ölpreisbedingten ökonomischen Konsequenzen eines Iran-Kriegs dürften daher begrenzter sein als in früheren Jahrzehnten. Höhere Öl- und Gaspreise bleiben relevant, so der Maverix-Experte, treffen heute aber auf eine Wirtschaft, die pro Einheit Wertschöpfung weniger energieabhängig ist als in historischen Schockphasen. Genau deshalb dürften die gesamtwirtschaftlichen Folgeschäden begrenzter ausfallen als in historischen Schocks.

Für Anleger bedeutet das seiner Meinung nach: Sie sollten nicht pauschal Sicherheit kaufen, sondern sehr bewusst auswählen, welche Teile des Bondmarkts, welche Währungen und welche defensiven Bausteine in diesem Umfeld noch wirklich tragen. (jh)