Nassim Taleb warnt Anleger vor zunehmender Volatilität und möglichen Insolvenzen im Software-Sektor, da die von künstlicher Intelligenz (KI) getriebene Rally in eine anfälligere Phase eintrete.

Der Autor von "Der Schwarze Schwan" sieht die Märkte strukturelle Risiken unterschätzen und zugleich die Widerstandsfähigkeit der heutigen KI-Marktführer überschätzen. KI werde enorme Gewinne hervorbringen, sagte Taleb, doch die Geschichte zeige, dass frühe Pioniere häufig verdrängt würden.

"Irgendjemand wird mit KI sehr viel Geld verdienen", sagte Taleb am Rande einer Veranstaltung von Universa Investments in Miami. Es sei jedoch nicht garantiert, dass dies die Unternehmen seien, die heute den KI-Trade prägten. In Teilen des Software-Sektors seien Insolvenzen wahrscheinlich, da technologische Instabilität, intensiver Wettbewerb und geopolitische Verschiebungen die Branche neu ordneten.

Breitere Indizes verwundbar
Der S&P 500 verlor am Montag (23.2.) rund ein Prozent – Teil einer Reihe von Abverkäufen vor dem Hintergrund von Zollunsicherheit und zweier konkurrierender Narrative rund um KI. 

Einerseits fürchten Investoren, dass schnell fortschreitende KI-Tools abonnementbasierte Software-Anbieter unter Druck setzen könnten. Andererseits hätten Technologiekonzerne, die KI-Infrastruktur aufbauen, eine riskante Verschuldungsphase begonnen, deren Erträge sich möglicherweise erst in Jahren zeigen würden.

"Es geht nicht um eine kleine Korrektur"
Taleb, der durch Prognosen zu früheren Finanzkrisen bekannt wurde, betonte, dass die Aktienrally der vergangenen Jahre stark von einer kleinen Gruppe KI-naher Titel getragen worden sei. Sollten sich die Marktführer verschieben, seien breitere Indizes anfällig.

"Extremrisiken über verschiedene Sektoren hinweg werden strukturell zu niedrig bewertet", sagte Taleb. "Es geht nicht um eine kleine Korrektur. Es geht um einen massiven Einbruch." Kurzfristig könne die Rally dennoch weitergehen. Entscheidend sei jedoch das potenzielle Ausmaß der Verluste. "Man braucht immer Absicherungen", sagte er. "Solche Einbrüche lassen sich nicht zuverlässig vorhersagen."

Universa Investments, wo Taleb als wissenschaftlicher Berater tätig ist, spezialisiert sich auf Strategien zur Absicherung von Extremrisiken, die in Krisenphasen überproportional profitieren sollen. Das Unternehmen erzielte im vergangenen Jahr eine durchschnittliche Jahresrendite von mehr als 100 Prozent auf das eingesetzte Kapital.

Gold und Dollar im Fokus
Taleb sieht zudem strukturelle Verschiebungen, insbesondere beim Gold. Während Aktien zuletzt zwischen Gewinnen und Verlusten schwankten, stieg das Edelmetall seit Oktober um rund 30 Prozent.

Er verwies auf anhaltende US-Defizite und die Sorge vor einer "Waffenisierung" des Dollar durch Sanktionspolitik. "Die USA verlieren am Rand schrittweise ihren Status als Reservewährung", sagte er. "Wenn der Eindruck entsteht, dass Vermögenswerte eingefroren oder beschlagnahmt werden können, sinkt der Anreiz, Vermögen in Dollar zu halten."

Kritik an erratischer Handelspolitik
Zur Handelspolitik sagte Taleb, Zölle könnten wirksam sein, sofern sie vorhersehbar umgesetzt würden. Eine erratische Politik hingegen schrecke Investitionen ab.

"Wenn Zölle dauerhaft und klar kommuniziert sind, passen sich Unternehmen an", sagte er. "Wenn sich die Politik unvorhersehbar ändert, nimmt man den Anreiz, Kapital zu investieren." Zölle wirkten zudem wie eine regressive Steuer, die einkommensschwächere Haushalte überproportional belaste und Ungleichheit verschärfe.

Öl-Schock als "Black Swan"-Risiko
Taleb, der den Begriff "Black Swan" für unvorhersehbare und weitreichende Marktereignisse prägte, warnte zudem vor einer möglichen Störung der Ölversorgung im Zusammenhang mit Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Die Weltwirtschaft könne einen Schock wie in den 1970er Jahren nicht verkraften.

"Eine solche rohstoffgetriebene Stagflation lässt sich nicht einfach mit Geldpolitik beheben", sagte er. "Selbst wenn man Einstein an die Spitze der Notenbank setzen würde – das würde das Problem nicht lösen." (mb/Bloomberg)