"Große US-Rating-Agenturen bekommen neuen europäischen Rivalen", titelt die "Financial Times". Solche Schlagzeilen werden Scope-Gründer Florian Schoeller freuen. Mit der Verpflichtung von Ex-S&P-Deutschlandchef Torsten Hinrichs (FONDS professionell ONLINE berichtete) ist er seinen Plänen ein gutes Stück näher gekommen: Er will Scope zu einer europäischen Fullservice-Ratingagentur ausbauen.

Im Interview mit FONDS professionell ONLINE gibt Hinrichs einen Einblick in die ehrgeizigen Wachstumspläne seines neuen Arbeitgebers. Ein ausführliches Interview mit Schoeller finden Sie darüber hinaus in der nächsten Printausgabe von FONDS professionell, die Ende September erscheint.

Herr Hinrichs, was hat Sie zum Wechsel zu Scope bewogen?

Thorsten Hinrichs: Zunächst einmal kennen Florian Schoeller und ich uns schon eine ganze Weile. Das Wichtigste aber ist, dass ich bei Scope im Vergleich zu anderen Agenturen in Europa eine schlüssige Strategie sehe. Eine Strategie, die es in meinen Augen wirklich ermöglicht, Scope zu einer echten europäischen Ratingagentur und europäischen Alternative zu den nordamerikanischen Ratingagenturen aufzubauen.

Wie sieht diese Strategie konkret aus?

Hinrichs: Die Kernelemente dieser Strategie sind zum einen, dass man eine frische, eine moderne nach vorne gerichtete Analytik beschreiben kann und teilweise auch schon beschrieben hat, beispielsweise im Bankenbereich, wo Sam Theodore aus London heraus so etwas schon implementiert. Also eine unbelastete, aber mit den Erfahrungen der Finanzkrise gespickte Analytik, die wir auch in anderen Bereichen nachziehen werden. Der andere Punkt ist, dass wir eine Strategie implementieren, die darauf setzt, einen Know-how-Transfer von den großen Agenturen zu Scope zu initiieren. Das funktioniert dadurch, dass wir erfahrene und im Markt bekannte Mitarbeiter einkaufen, die quasi eine Rating-DNA mitbringen. Dass ist zum einen wichtig für die internen Prozesse, um den professionellen Angang zu verstärken, zum anderen um bei Investoren und Emittenten relativ schnell Akzeptanz zu finden. Das dritte Element dieser Strategie ist eine klare internationale Ausrichtung. Wir haben natürlich Deutschland als Heimatmarkt und werden uns weiterhin schwerpunktmäßig um unsere heimischen Kunden kümmern. Aber eine Intention ist es, Serviceleistungen für Emittenten in ganz Europa anzubieten und eben nicht nur in den Bereichen Banken und strukturierte Finanzierungen, sondern auch Ratings in den Segmenten Corporates, Projektfinanzierung und anderen Assetklassen. Also eine Fullservice-Agentur für ganz Europa. Eine Strategie, die meines Wissens keine andere europäische Agentur derzeit hat.

Ist die Umstellung für Sie schwer? Immerhin wechseln Sie von einem weltweiten Marktführer im Ratinggeschäft zu einer bislang eher lokal geprägten Agentur?

Hinrichs: Nein, keineswegs. Zwar ist die Lernkurve in einem neuen Unternehmen gerade für mich hoch, aber Scope hat ja bereits eine lange Historie im Fondsbereich, das wollen wir nicht unter den Tisch kehren. Auf dieser Bekanntheit im Fondsgeschäft sowie den Beziehungen zu Kunden, Fondsmanagern und Investoren werden wir aufbauen. Das ist eine gute Basis. Natürlich ist die Größenordnung zwischen Standard & Poor's und Scope eine andere. Aber als ich vor 15 Jahren bei Standard & Poor's angefangen habe, war ich der zehnte Mitarbeiter. Wir hatten ein kleines Geschäft und die Anzahl der Firmenratings konnte man an zwei Händen abzählen. Auch damals gab es solch eine Aufbruchsstimmung, wie ich sie jetzt bei Scope wieder spüre.

Welche Aufgaben werden Sie als CEO konkret übernehmen? Mit Stefan Bund ist im Mai bereits ein weiteres Vorstandsmitglied zu Scope Ratings gestoßen, und Florian Schoeller wechselt künftig in den Aufsichtsrat.

Hinrichs: Das lässt sich am besten an der neuen Organisationstruktur erklären. Wir werden sämtliche Credit- und Fondsratingaktivitäten innerhalb der Scope Ratings vereinen, die aktuell in eine AG umgewandelt wird. Stefan Bund und ich werden die Scope-Ratings AG gemeinsam führen, mit der Aufgabenteilung, dass sich Stefan Bund im Wesentlichen für die Analytik und ich mich für alle anderen Bereiche verantwortlich erkläre. Neben meiner Funktion als CEO der Scope Ratings AG bin ich gemeinsam mit Florian Schoeller Vorstand der Muttergesellschaft Scope Corporation AG. Florian Schoeller wird sich künftig schwerpunktmäßig um die Nicht-Rating-Aktivitäten der Scope-Gruppe kümmern und sich aus dem Ratinggeschäft im Wesentlichen zurückhalten.

Welche Geschäftsbereiche stehen im Zuge der Neuausrichtung zunächst im Vordergrund?

Hinrichs: Wir haben ja bereits ein aktives Geschäft in den Bereichen Bankenratings, strukturierte Finanzierungen, Corporates und nicht zu vergessen den alternativen Investmentfonds. Und unser Fondsgeschäft, insbesondere der Bereich Alternative Investments, ist ja nach wie vor das wesentliche Standbein dieser Firma und die Basis, auf der wir aufsetzen, um das Wachstum in den anderen Bereichen zu finanzieren. In all diesen Bereichen gibt es bereits Ansätze, die teils weiterentwickelt und teils noch nicht so weit entwickelt sind. Die Stelle, an der wir kurzfristig sowohl personell als auch in der Methodik nachlegen werden, ist im Bereich der größeren Corporates, wo wir die Entwicklung über das Segment der mittelständischen Unternehmen hinaus in Richtung große Mittelständler oder sogar Large Caps, MDax und Dax-Unternehmen, forcieren wollen. Ein weiteres Segment sind Pfandbriefe, wo wir eine starke Nachfrage sehen. Und wir haben ja bereits die neue Methodik zu Alternative-Investment-Debt-Funds veröffentlicht. Diese entwickeln wir gerade auch für andere Assetklassen weiter, um uns hinsichtlich der neuen Regulierung auch in diesem Bereich entsprechend aufzustellen. Viele verschiedene Dinge laufen derzeit parallel, aber eben nicht von Null an beginnend. Das lässt mich zuversichtlich sein, dass wir gerade in den genannten Bereichen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten leistungsfähig und lieferfähig sein werden.

Neben dem Firmensitz in Berlin gibt es bisher noch ein Büro in London. Sind die verschiedenen Geschäftsbereiche von Scope regional verteilt?

Hinrichs: Im Moment sind in London im Wesentlichen das Bankenteam und Teile der Teams für strukturierte Finanzierungen und Corporates ansässig. Es ist aber ein Ziel von uns, die wesentlichen Geschäftsbereiche sowohl in London als auch in Berlin anzusiedeln. Ich halte nicht viel von einer Trennung, schließlich wollen wir möglichst nah bei unseren Kunden sein. (rmk)