In Zeiten des Niedrigzinses sinken auch die Bauzinsen weiter. Sie liegen aktuell fast wieder auf ihrem Allzeittief, und auch längere Zinsbindungen bleiben günstig und deuten auf ein langfristig niedriges Zinsniveau hin. Für Immobilienkäufer und Bauherren haben diese historisch günstigen Finanzierungsmöglichkeiten jedoch auch einen Haken. "Viele Menschen glauben, dass sie bei günstigen Zinsen auch schneller schuldenfrei sind. Doch das Gegenteil ist der Fall: Ein Darlehen mit niedrigem Zinssatz läuft bei gleicher anfänglicher Tilgungsrate deutlich länger als eines mit hohem Zins", erklärt Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender beim Finanzdienstleister Dr. Klein. Fachleute nennen dieses Phänomen Tilgungsparadox. Es tritt vor allem beim Annuitätendarlehen auf, der beliebtesten Form der Baufinanzierung in Deutschland.
 
Der Grund: Beim Annuitätendarlehen zahlt der Kreditnehmer über die gesamte Laufzeit eine feste monatliche Rate an die Bank. Sie setzt sich aus Tilgung und Zinsen zusammen. Ist das Zinsniveau niedrig, ist diese monatliche Rate zwar gering – die monatliche Tilgung aber ebenfalls. "Darlehensnehmer sollten die günstigen Zinsen nicht für eine geringere Monatsrate, sondern für eine höhere anfängliche Tilgung nutzen. Mindestens zwei, besser drei Prozent sind empfehlenswert, um das Darlehen schnell zurückzuzahlen und das Tilgungsparadox zu umgehen", rät Neumann.
 
Kurzfristige Schwankungen nicht ausgeschlossen
Die Bauzinsen dürften noch eine ganze Weile niedrig bleiben, erklärt Neumann: "Viele Banken refinanzieren langfristige Kredite wie Baufinanzierungen über Pfandbriefe. Und daher orientieren sich auch die Bauzinsen an deren Rendite." Die Renditen der Pfandbriefe notieren derzeit auf einem extrem niedrigen Niveau – und somit auch Bauzinsen. "Die Coronakrise und ihre Folgen werden uns noch längere Zeit begleiten, auf Sicht der nächsten Monate sehe ich daher keine nachhaltigen Zinssteigerungen", sagt Neumann. Kurzfristige Schwankungen seien allerdings nicht ausgeschlossen. (fp)