An den Aktienmärkten sind derzeit viele positive Nachrichten eingepreist – womöglich zu viele, warnt Bob Doll, Chefanlagestratege für Aktien beim US-Vermögensverwalter Nuveen. "Noch erholt sich die Wirtschaft. Aber die Anzeichen, dass neue Lockdowns diese Entwicklung verlangsamen, mehren sich", sagt er. Aktienanleger haben einen massiven Wiederanstieg der Unternehmensgewinne vorweggenommen. "Stockt die Konjunktur, ist dieser unrealistisch", gibt Doll zu bedenken.

Der Anlagestratege hält Investoren derzeit tendenziell für zu optimistisch. Sie scheinen mehrheitlich damit zu rechnen, dass bald ein Corona-Impfstoff zur Verfügung steht oder eine andere Art von medizinischem Durchbruch die Konjunktur beflügelt. Das Niveau von vor der Pandemie dürfte die Wirtschaft aber selbst in diesem unwahrscheinlichen Fall nicht so bald wieder erreichen, weil viele Branchen am Boden liegen. Anleger haben letztlich das Best-Case-Szenario eingepreist, sagt Doll. "Das kann zu negativen Überraschungen führen."

Fiskalpolitik muss Geldpolitik ablösen
Der Nuveen-Stratege befürchtet, dass die Unterstützung für den Aktienmarkt bald schwindet. "Zwar kann die Geldpolitik die Märkte weiterhin stützen, doch müssen Impulse zunehmend von der Fiskalpolitik kommen", sagt er. Das Problem daran: Fiskalpolitische Maßnahmen wirken langsamer und lassen sich wegen der hohen Staatsschuldenquoten schwieriger durchsetzen. "Hinzu kommt die politische Unsicherheit während der ungewöhnlich kontroversen US-Wahlsituation", so Doll. "Diese Risiken können sich zuspitzen, wenn das Wahlergebnis im November ungewiss oder umstritten ist."

Anleger halten wohl vor allem deshalb trotz der zahlreichen Risiken an Aktien fest, weil es ihnen an Alternativen mangelt. Das eröffnet reichlich Raum für Enttäuschungen, warnt Doll. "Wir denken, dass das Umfeld für Aktien in den nächsten Monaten risikoreich bleibt", sagt er. (fp)