Ein ungeregelter Ausstieg Großbritanniens aus der EU würde die Finanzmärkte möglicherweise weit weniger stark treffen, als von vielen Anlegern gefürchtet. Davon ist Stephan Rieke, Leiter Investment Office Märkte bei Oddo BHF überzeugt. Zum einen hatten Investoren mittlerweile viel Zeit, sich auf das Szenario einzustellen. Zum anderen muss bei der Einschätzung des drohenden Schadens auch die zu erwartende Reaktion der britischen Notenbank berücksichtigt werden. "Wir rechnen damit, dass bei einem Austritt ohne Vertrag die Bank of England umgehend mit einer geldpolitischen Lockerung reagiert", sagt Rieke.

Eine Zinssenkung oder gar eine Wiederaufnahme des QE-Programms würde zunächst zu fallenden Renditen bei britischen Staatsanleihen führen, prognostiziert der Anlageprofi. Auch das britische Pfund dürfte erstmal einen Schwächeanfall erleiden. "Aus Sicht des britischen Aktienmarktes wäre eine im Gefolge eines harten Ausstiegs unvermeidliche Abschwächung des heimischen Wirtschaftswachstums natürlich Gift", sagt Rieke.

Chancen für Anleger
Dem gegenüber stünden aber niedrigere Renditen bei UK-Staatsanleihen. Außerdem wirke sich ein schwächerer Pfund in der Regel positiv auf die Entwicklung der Unternehmensgewinne aus. "Immerhin generieren die im britischen Aktienindex FTSE 100 versammelten Londoner Leitwerte etwa 75 Prozent ihrer Umsätze außerhalb Großbritanniens", sagt Rieke. Eine Aufwertung des Pfund gegenüber dem Euro hätte für Investoren noch einen weiteren Vorteil. Denn dieses Szenario führt häufig zu einer Outperformance des FTSE 100 gegenüber dem Euro Stoxx 50, dem Leitindex der Eurozone, erklärt der Anlageexperte. (fp)