Der Freiburger Wirtschaftsprofessor Lars Feld rechnet mit einer Stagflation. "Die Wachstumsaussichten in Deutschland und Europa, in den USA und in China haben sich stark eingetrübt", sagt er im Interview mit FONDS professionell, das in voller Länge in der soeben veröffentlichten Ausgabe 2/2022 erschienen ist. "Die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland stagniert jetzt schon. Die Inflation ist schon ziemlich hoch und wird mit einer restriktiveren Geldpolitik bekämpft werden müssen", gibt er zu bedenken.

Mit Blick auf die Inflation erwartet Feld, der von 2011 bis 2021 Mitglied der "Wirtschaftsweisen" war, keine rasche Entspannung. Der Energiepreisanstieg infolge des Krieges in der Ukraine habe die Situation nur verschärft, nicht aber ausgelöst. "Die Lieferkettenproblematik war schon vor dem Krieg groß, und ich habe schon früher regelmäßig gesagt: Das wird weitergehen. Wer China beobachtet hat – zuletzt mit Lockdowns für Millionenstädte wie Shanghai und Shenzen –, musste das erwarten", so der Ökonom, der vor wenigen Monaten zum "Persönlichen Beauftragten des Bundesministers der Finanzen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung" berufen wurde (FONDS professionell ONLINE berichtete).

Energie bleibt teuer
Deutschland – und damit indirekt auch Österreich – leide in Westeuropa am stärksten unter der aktuellen Problematik. "Das hat vor allem damit zu tun, dass die industrielle Struktur bei uns intakt ist", erläutert Feld. "Während in Großbritannien oder den USA der Anteil der Wirtschaftsleistung viel stärker vom Dienstleistungs- beziehungsweise Finanzsektor abhängt, ist bei uns die Industrie dominant. Damit sind Deutschland und Staaten, mit denen wir viel Handel treiben – das sind neben Österreich auch andere Länder der Eurozone wie etwa die Niederlande, aber zum Teil auch die Schweiz –, am stärksten betroffen."

Die Energiepreise werden nicht mehr auf das alte Niveau fallen, erwartet Feld. "Denn mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine und den Sanktionen ist klar, dass man Russland aus der internationalen Arbeitsteilung ausgrenzen wird", sagt er. "Daher muss man die Energie von anderswo importieren. Diese ist teurer." Im Ergebnis führe das zu einem geringeren Wirtschaftswachstum und damit zu einem Wohlstandsverlust.

Können die Zinsen überhaupt deutlich steigen?
Im Interview widerspricht Feld der vorherrschenden Meinung, die Notenbanken hätten gar keine Spielräume, die Inflation zu bekämpfen. "Der Spielraum ist gar nicht so eng, wie man meinen sollte", sagt er. "Man hört in dieser Diskussion immer das Argument: Wenn die Zinsen nach oben gehen, hat Italien ein großes Problem. So einfach ist es nicht." Italien habe sich während der Niedrigzinsphase langfristig zu günstigen Konditionen finanziert. "Selbst wenn der Zins in Italien um einen Prozentpunkt steigt, sinken die Zinsausgaben des Staates in Prozent des BIP immer noch, weil die Refinanzierung der alten Anleihen immer noch günstiger wäre", rechnet er vor. "Erst wenn man um zwei oder drei Prozentpunkte anhebt, merkt der italienische Staat das überhaupt, und auch das nur allmählich." (gf/bm)