Martin Hüfner, Chefvolkswirt von Assenagon und volkswirtschaftlicher Berater der österreichischen Hello Banker, warnt davor, dass das Defizit der US-Leistungsbilanz sich trotz  höherer Zölle in einem Maße ausweite, wie das wenige für möglich gehalten hätten. Das sei ein schlechtes Omen – und zwar für alle. (aa)


Seit "ewigen" Zeiten haben die Amerikaner ein Defizit in der Leistungsbilanz. Es wurde mal mehr beachtet, mal weniger. Vor 50 Jahren trug es mit dazu bei, das gesamte westliche Währungssystem in die Luft zu sprengen (Bretton Woods). Vor zehn Jahren war es ein Alarmzeichen vor der großen Finanzkrise. 

Seitdem ist es um das Defizit ruhiger geworden. Es wird von vielen eher als Schönheitsfehler angesehen. Das wird sich aber bald ändern. Denn das Defizit weitete sich zuletzt in ei­nem Maße aus, das wenige für möglich gehalten hätten. Es könnte erneut zu einem Sprengsatz für das Weltfinanzsys­tem werden, zumindest aber zu einer Achillesferse von Trumps Politik.

Schauen wir uns die Zahlen an (Grafik). Der Saldo der US-Leistungsbilanz stürzt seit der Wahl Trumps zum Präsiden­ten regelrecht ab. Von 2016 bis 2019 wird sich das Defizit nach den Berechnungen des IWF um 50 Prozent ausweiten: Von 430 Milliarden US-Dollar auf 650 Milliarden US-Dollar. So einen Anstieg hat es schon lange nicht mehr gegeben.

Die Entwicklung der US-Leistungsbilanz seit 1980

Wie kommt es dazu? Ganz einfach. Der Leistungsbilanz­saldo ist gleich der Differenz zwischen dem, was ein Land produziert und dem, was es nachgefragt hat. Wenn Unter­nehmen und Bürger mehr kaufen als sie produzieren (wie das in den USA seit Jahren der Fall ist und sich jetzt noch verstärkt), dann müssen sie die fehlenden Güter und Dien­ste im Ausland erwerben.

Das ist dann das Defizit in der Leistungsbilanz. Seine Höhe hängt von der Gesamtheit aller gesamtwirtschaftlichen Be­dingungen ab. Die sind in den Vereinigten Staaten derzeit aber alles andere als günstig für eine Verringerung des De­fizits. Die Konjunktur boomt. Viele Unternehmen produzie­ren an der Kapazitätsgrenze und können nicht mehr herstel­len. Sie sind auch nicht so wettbewerbsfähig, dass sie ohne weiteres an die Stelle von ausländischen Firmen treten könnten. Umgekehrt sind die Verbraucher optimistisch und kaufen immer mehr. Der Staat gibt mehr aus, als er ein­nimmt. Das Ergebnis ist, dass es im Inland vorne und hinten an Gütern fehlt.

Manch einer hatte erwartet, dass die Zölle, die Trump ein­geführt hat, die Situation entspannen würde. Theoretisch müsste das auch so sein. Denn wenn die Importe in den USA teurer werden, müssten die Amerikaner eigentlich weniger Güter im Ausland kaufen. Die Einfuhren müssten zurückgehen. Die außenwirtschaftliche Bilanz müsste daher nicht mehr ein so großes Loch aufweisen. Diese Überlegun­gen standen sicher auch hinter der Aussage Trumps, nichts sei leichter als einen Handelskrieg zu gewinnen. Tatsächlich ist es aber ganz anders gekommen. Allein von 2017 bis 2019, also in den Jahren, in denen die Zölle so richtig Wir­kung entfal­ten, steigt der Fehlbetrag um 200 Milliarden US-Dollar.

Nun kann man fragen, was ist daran so schlimm? Die Ame­rikaner hatten doch schon immer ein Defizit. Aber wenn es so hoch ist, ist es schon sehr schlimm.

Erstens werden die Produktionsmöglichkeiten der USA nicht so genutzt, wie es eigentlich möglich wäre. Wenn die Leistungsbilanz ausge­glichen wäre, könnten die USA rein rechnerisch über drei Prozent mehr herstellen. Es könnten knapp fünf Millionen neue Jobs ge­schaffen werden. Das ist schon ein Wort, gerade für Trump und seine Wähler.

Zweitens müssten die Zinsen nicht so stark steigen. Die höheren Zinsen kommen nämlich nicht durch die angeblich überzogene Notenbankpolitik, wie Trump meint. Wenn die USA eine ausgeglichene Leistungsbilanz hätten, müssten sie sich nicht im Ausland verschulden. Die Nachfrage nach Kapital wäre geringer. Und damit wäre auch der Preis des Kapitals, also der Zins, niedriger.

Drittens würde sich das Schuldenproblem in der Welt nicht so stark verschärfen. Zur starken Verschuldung von Unter­nehmen und Staaten rund um den Globus kommt jetzt der steigende Kapitalbedarf der USA. Er droht kleinere Schuld­ner zu verdrängen (crowding out) und sie in noch größere Probleme zu bringen. Schon derzeit wird aus den Schwel­len- und Entwicklungsländern in erheblichem Maße Kapital abgezogen und in die USA transferiert. Die Gefahr einer Schuldenkrise in der Welt, vor der der IWF auf seiner Jah­restagung letzte Woche so eindringlich warnte, wäre ohne das US-Leistungsbilanzdefizit geringer.

Viertens wäre die Abhängigkeit der USA von ausländischen Gläubigern nicht so groß. Derzeit schwebt über den USA stets das Damoklesschwert, dass die Chinesen zum Bei­spiel eines Tages den Hahn zudrehen und kein neues Kapi­tal mehr zur Verfügung stellen. Noch schlimmer wäre, wenn sie ihre Bestände an US-Treasuries auf den Markt werfen
und damit die USA unter Druck setzen würden. Bisher ha­ben sie das noch nicht getan. Aber die Möglichkeit besteht immer. Die Chinesen sind einer der größten Gläubiger der Vereinigten Staaten.

Fünftens schließlich ist das Leistungsbilanzdefizit auch eine Hypothek für den Wechselkurs. Wenn es sich erhöht, schwächt das den Dollar und bewirkt für sich genommen eine Abwertung. Es gibt zwar viele Dinge, die am Devisen­markt eine Rolle spielen, aber die Leistungsbilanz gehört nicht zu den geringsten. Allerdings vermute ich, dass Prä­sident Trump eine Abwertung des Dollars nicht ganz unlieb wäre, weil es die Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft stärken würde.

Für den Anleger
Das steigende Leistungsbilanzdefizit der USA kommt als weiteres Problem zu den vielen schon existierenden Un­gleichgewichten in der Welt hinzu. Es lastet auf den Kapital­märkten und macht die Lage noch labiler. Die Einschätzung der Entwicklung wird noch schwieriger. Das fällt insbeson­dere dann ins Gewicht, wenn die Märkte wie in diesen Wo­chen ohnehin nervös und unsicher sind.