Mit Kevin Warsh an der Spitze der US-Notenbank könnte die amerikanische Geldpolitik vor einer strategischen Neuausrichtung stehen. Nach Einschätzung von Christian Jasperneite, Chief Investment Officer bei M.M. Warburg & Co., dürfte der neue Fed-Chef eine andere geldpolitische Philosophie verfolgen als viele seiner Vorgänger.

"Er wird dafür sorgen, dass am kurzen Ende, also da, wo quasi der Leitzins bestimmt wird, wir dort ein Zinsniveau haben, das strukturell eher niedrig ausfallen wird", erklärt Jasperneite in einem Marktkommentar. Gleichzeitig dürfte Warsh bereit sein, steigende Renditen bei länger laufenden Staats- und Unternehmensanleihen zu akzeptieren.

Steilere Zinskurve 
Hintergrund sei ein verändertes Verständnis der Rolle einer Zentralbank. Während die Federal Reserve in den vergangenen Jahren durch umfangreiche Anleihekäufe auch die langfristigen Renditen beeinflusst habe, könnte Warsh diesen Kurs schrittweise verlassen. "Wir wollen uns wieder auf das kurze Ende konzentrieren. Wenn das lange Ende dann nach oben geht und damit die Zinsstrukturkurve steiler wird, dann nehmen wir das billigend in Kauf", erläutert Jasperneite die mögliche Stoßrichtung.

Ein zentrales Instrument dabei wäre der weitere Abbau der Fed-Bilanz. Die Notenbank hatte insbesondere während der vergangenen Jahre große Mengen langlaufender Anleihen erworben und damit die Renditen künstlich gedrückt. Künftig könnte der Markt bei längeren Laufzeiten wieder stärker die Preisbildung übernehmen.

Jasperneite bewertet diesen Ansatz grundsätzlich positiv: "Das ist tatsächlich eine geldpolitische Ausrichtung, die ich persönlich auch vom Prinzip richtig finde." Die Philosophie erinnere an den klassischen Ansatz von Zentralbanken, die ihre Aufgabe früher vor allem in der Steuerung kurzfristiger Zinsen sahen.

Folgen für die Finanzmärkte
Für die Finanzmärkte könnte der Übergang allerdings Folgen haben. Höhere langfristige Zinsen würden die Finanzierungskosten von Unternehmen erhöhen und könnten einzelne Geschäftsmodelle stärker unter Druck setzen. "Das könnte schon dazu führen, dass einige Unternehmen etwas mehr als früher insolvenzgefährdet sind", so Jasperneite.

Auch die Bewertung von Aktien könnte betroffen sein. Während kurzfristige Zinsen niedrig bleiben könnten, würden höhere langfristige Renditen die Diskontierung zukünftiger Cashflows verändern. "Die Frage ist, ob das nicht auch in DCF-Modellen, wo man zukünftige Cashflows auf einen aktuellen Barwert diskontiert, einen Einfluss haben könnte", so der Warburg-CIO. In der Folge könnten "die fairen KGVs vielleicht ein bisschen im Laufe der nächsten Jahre zurückkommen".

Abrupte Veränderungen nicht zu erwarten 
Kurzfristig sei jedoch nicht mit abrupten Veränderungen zu rechnen. Warsh verfüge als neuer Fed-Chef nicht automatisch über eine Mehrheit im Offenmarktausschuss und werde mögliche Richtungsänderungen daher schrittweise durchsetzen müssen. Dennoch: "Wir müssen das ein bisschen im Hinterkopf behalten, dass diese veränderte geldpolitische Philosophie auch an Kapitalmärkten, auch in der Realwirtschaft gewisse Schleifspuren produzieren könnte“, mahnt Jasperneite.

Auswirkungen hätte eine solche Entwicklung auch auf die öffentlichen Finanzen der USA. Steigende Renditen am langen Ende der Zinskurve würden die Emission neuer Staatsanleihen verteuern. Damit könnte nicht nur die Finanzierung von Unternehmen, sondern auch die Neuverschuldung des amerikanischen Staates künftig deutlich kostspieliger werden. (dv)