Experten hinterfragen, was die eigentlichen Gründe für den Dauer-Niedrigzins sind. Auf den ersten Blick gelten zwar die Zentralbanken mit ihrer Zinspolitik und Anleihekaufprogrammen als Ursache. "Dennoch glauben wir, dass die Zentralbanken nicht die Täter, sondern vielmehr die Opfer tieferer fundamentaler Triebkräfte sind, die hinter niedrigen und negativen Zinsen stecken", sagt Pimco-Chefökonom Joachim Fels.

Die beiden wichtigsten langfristigen Triebkräfte sind dem Experten zufolge die demografische Entwicklung und der technologische Fortschritt. "Während die zunehmende Lebenserwartung die Sparneigung erhöht, sind neue Technologien kapitalsparend und werden immer günstiger – womit sie die ex-ante-Nachfrage nach Investitionen verringern", erklärt Fels. "Die daraus resultierende Ersparnisflut tendiert dazu, den 'natürlichen' Zins tiefer und tiefer nach unten zu drücken."

Zentralbanken haben wenig Einfluss auf den natürlichen Zinssatz
Fels beobachtet, dass das letzte Jahrzehnt der Finanzgeschichte voll von Zentralbanken ist, die ihren Tagesgeldsatz entweder über dem "natürlichen“ Satz hielten oder versuchten, ihn zu früh (EZB 2011) oder zu stark (Fed 2018) anzuheben. "Beide wurden von Märkten abgestraft und mussten eine Kehrtwende einlegen“, sagt der Experte.

Er sieht statt dessen einen weiteren Faktor: Die Wirtschaftstheorie besagt, dass Menschen dem Konsum von heute grundsätzlich mehr Wert beimessen als jenem von morgen – also dem Sparen. Entsprechend verlangen sie eine Entschädigung in Form eines positiven Zinssatzes, um auf ihren gegenwärtigen Konsum zu verzichten. Dies galt insbesondere in einer Welt, in der die Menschen oft ihre Pensionierung nicht erlebten und Schwierigkeiten hatten, ihre Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Demgegenüber lässt sich heutzutage jedoch argumentieren, dass Menschen in Wohlstandsgesellschaften mit steigendem Lebensalter einen beträchtlichen Teil ihres Lebens im Ruhestand verbringen. "Um ihre Kaufkraft über heutiges Sparen in die Zukunft zu verlagern, sind sie daher gewillt, sogar einen negativen Zinssatz in Kauf zu nehmen, und führen ihn durch ihr Sparverhalten auch herbei“, sagt Fels. (fp)