Prediction Markets sind spätestens mit den US-Wahlen stärker ins Blickfeld gerückt. Doch können die bislang vor allem von Privatanlegern genutzten Märkte auch für professionelle Investoren relevant werden? Markus Fehn, Head of Strategy & Innovation bei Chartered Investment, sieht dafür durchaus Potenzial. Im Gespräch mit "Institutional Money" verweist er insbesondere auf die Direktheit der Kontrakte, die entstehenden Prognosedaten und mögliche Hedging-Anwendungen.

Das Prinzip ist einfach: Auf Plattformen wie Polymarket und Kalshi werden binäre Kontrakte auf den Eintritt eines Ereignisses gehandelt. Ihr Preis spiegelt die vom Markt angenommene Eintrittswahrscheinlichkeit wider. Anders als bei klassischen Emittentenprodukten steht dabei keine Bank als Gegenpartei auf der anderen Seite. Die Teilnehmer handeln untereinander über ein Orderbuch.

Die Wahrscheinlichkeit direkt handeln
Ein Vorteil liegt laut Fehn darin, Ereignisse unmittelbar handeln zu können. "Sie konnten bislang nicht direkt auf die Wahrscheinlichkeit einer Zinsentscheidung spekulieren, etwa auf die Frage: Erhöht die Fed morgen die Zinsen, ja oder nein? Über Futures handeln Sie das Zinsniveau und müssen die Wahrscheinlichkeit daraus erst zurückrechnen. Beim Event-Kontrakt ist der Preis die Wahrscheinlichkeit." 

Auch Risiken, für die es bislang keine passenden Derivate gibt, könnten sich theoretisch absichern lassen. Fehn nennt einen Government Shutdown sowie mögliche Zollerhöhungen als Beispiele. Ob Prediction Markets tatsächlich als Hedging-Instrument taugen, sei aber noch offen: "Entscheidend ist die Frage: Sind die Märkte tief genug? Der Proof steht noch aus."  

Prognosedaten als zusätzlicher Nutzen
Interessant sind für Fehn auch die Informationen, die aus den Marktpreisen entstehen. "Märkte, auf denen die Teilnehmer tatsächlich Geld einsetzen, liefern in der Regel bessere Resultate als reine Umfrageergebnisse." Er verweist auf ein Arbeitspapier der Fed: Demnach seien Prognosen zu Verbraucherpreisdaten auf Kalshi im Durchschnitt näher am tatsächlichen Ergebnis als der Bloomberg-Konsens. 

Voraussetzung dafür ist allerdings ein funktionierender Markt. "Die Liquidität ist in wenigen wichtigen, großen Kontrakten vorhanden, in vielen anderen aber nicht. Wenn die Liquidität dünn ist, ist entsprechend auch die Aussagekraft des Marktes geringer", sagt Fehn. 

In den USA sieht er erste Anzeichen einer Professionalisierung. Zwar seien aktuell vor allem Privatanleger auf Prediction Markets aktiv, beim institutionellen Volumen zeige sich aber bereits Wachstum. Als Beispiel für das zunehmende Engagement professioneller Akteure nennt Fehn Susquehanna als ersten offiziellen Market Maker bei Kalshi. "Die würden sich dort nicht anbinden, wenn sie glaubten, dass das nur eine kurzfristige Erscheinung wäre."

In Europa setzt die Regulierung enge Grenzen
In Europa steht einer breiteren Nutzung vor allem die Regulierung entgegen. Fehn verweist auf die regulatorischen Beschränkungen für Prediction Markets und sieht entsprechend eine "Grundskepsis" sowie ein derzeit zurückhaltendes institutionelles Umfeld. 

Für eine weitere Entwicklung hält er deshalb einen belastbaren regulatorischen Rahmen für unerlässlich. "Aus meiner Sicht führt der Weg für Prediction Markets in Europa nur über Regulierung. Es braucht einen Status, unter dem das belastbar funktionieren kann." 

Hinzu kommt eine Governance-Frage: Bei jedem Kontrakt muss letztlich verbindlich festgestellt werden, ob das zugrunde liegende Ereignis eingetreten ist. "Wer entscheidet das, und kann man gegen die Entscheidung vorgehen? Ohne Rechtssicherheit an dieser Stelle kommen Sie keinen Schritt vorwärts", sagt Fehn. (dv)