Kriminelle haben mit mehreren fingierten Trading-Plattformen Tausende Anleger in Deutschland und Österreich geprellt, im vergangenen Jahr flog die Masche auf. Der Fortgang der Geschichte schien klar: Die Betrüger, die sich bei Anrufen als Broker und Anlageexperten vorstellten und ihre Opfer in erfundene Investitionen lockten, würde der Prozess gemacht. Tatsächlich verurteilte ein Wiener Gericht vor wenigen Tagen den mutmaßlichen Kopf der Bande, den 33-jährigen Israeli Gal B., wegen gewerbsmäßigen, schweren Betrugs und Geldwäsche zu vier Jahren Haft ohne Bewährung und zur Zahlung von einer Million Euro Schadenersatz an rund 1.300 Österreicher. Nun erschweren allerdings zwei rätselhafte Todesfälle der Justiz die weitere Arbeit, berichtet die "Süddeutsche Zeitung" (SZ).

Einer der beiden Toten ist Alexander I. Er hatte Gal B. Medienberichten zufolge schwer belastet. Der 34-Jährige hatte den Ermittlern demnach detailliert berichtet, wie er und seine Komplizen von Callcentern in Serbien und Bulgarien aus in deutschen und österreichischen Haushalten angerufen und ihre Opfer auf Internetseiten mit Namen wie XTraderFX oder Golden Markets gelockt hatten. Alexander I. nannte laut SZ Namen und Orte, beschrieb die Betrugsmasche in aller Ausführlichkeit. Nun ist er tot. Er starb angeblich in seiner serbischen Heimat an einem Herzinfarkt, der bei der Obduktion durch Drogenmissbrauch erklärt wurde. An dieser Version gibt es der SZ zufolge im Umfeld von Alexander I. allerdings Zweifel.

Wer besorgte die tödlichen Medikamente?
Einen weiteren Todesfall gab es in der Justizvollzugsanstalt in Saarbrücken. Dort fanden Beamte kürzlich den 56-jährigen Uwe L. leblos in seiner Zelle. Ebenso wie Alexander I. gehörte er zu den Schlüsselfiguren im Ermittlungsverfahren und hatte Gal B. schwer belastet. L. starb der SZ zufolge an einem tödlichen Medikamentencocktail. Nur zwei der Präparate waren ärztlich verordnet. Woher die restlichen kamen und ob L. sie freiwillig eingenommen hat, ist unklar. Es gebe jedenfalls "keine Hinweise darauf, dass dem Betroffenen Medikamente gegen seinen Willen verabreicht wurden", so ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Saarbrücken. Diese hatte gerade die Anklage gegen L. vorbereitet, als der ehemalige Glücksspielprofi vergiftet aufgefunden wurde.

Klar ist: Die Todesfälle dürften abschreckend wirken auf die Dutzenden Beschuldigten, die in mehreren Ländern noch in Untersuchungs- oder Auslieferungshaft sitzen und die aus  Gründen der Hafterleichterung eventuell ebenfalls zu Aussagen bereit wären. Sie könnten auch Folgen haben für einen weiteren Prozess gegen Gal B. Der mutmaßliche Bandenchef muss nach seiner Verurteilung in Österreich womöglich auch in Deutschland vor Gericht. "Wir prüfen gerade, ob wir ebenfalls Anklage erheben oder seine Auslieferung beantragen", so Oberstaatsanwalt Thomas Goger gegenüber der SZ. Die Wiener Opferschutzorganisation Efri hält das Wiener Urteil für zu milde. Sie schätzt den Gesamtschaden durch fingierte Trading-Plattformen europaweit auf zwölf Milliarden Euro – pro Jahr, wohlgemerkt. (fp)