Die Europäische Zentralbank (EZB) befasst sich in einer aktuellen Analyse mit einem ungewöhnlichen Phänomen: Obwohl Konsumenten seit Beginn der Coronakrise mehr denn je mit Giro- oder Kreditkarte zahlen, ist die Nachfrage nach Bargeld in der Bevölkerung gestiegen. Ökonomen nennen diesen Widerspruch das "Banknoten-Paradoxon". Laut Angaben der Zentralbank, über die die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) berichtet, wurden im Krisenjahr 2020 exakt 141 Milliarden Euro-Banknoten ausgegeben, gegenüber 61 Milliarden Euro im Vorjahr – ein Anstieg um mehr als 130 Prozent. Es war auch mehr Geld im Umlauf als sonst. Im Vergleich zum Vorjahr gab es einen Zuwachs um elf Prozent. Zugleich gaben 40 Prozent der Teilnehmer in der EZB-Umfragen an, in der Pandemie häufiger mit Plastikgeld zu zahlen.

Die Notenbank geht eine Reihe von möglichen Ursachen durch: Normalerweise sorgt der Einsatz von Euro-Banknoten außerhalb des Euroraums für eine steigende Bargeld-Nachfrage. Etwa 30 bis 50 Prozent der Euro-Scheine sind außerhalb der Eurozone im Umlauf. Allerdings schließen die Experten diese Begründung diesmal aus – immerhin war das Reisen wegen der Krise eingeschränkt bis unmöglich. Für plausibler halten die Ökonomen eine andere Ursache: Die Bürger horten momentan Bargeld, weil sie durch die Krise verunsichert sind. So wollen viele Menschen etwa Bargeld im Haus haben für den Fall, dass ein Lieferdienst keine Kartenzahlung akzeptiert.

Typisch für Krisen
Das Phänomen ist nicht so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick scheint. Auch in anderen Krisen der vergangenen Jahrzehnte stieg die Bargeldnachfrage sprunghaft an. So etwa nach der Insolvenz der US-Investmentbank Lehman Brothers, die im Jahr 2008 als Katalysator für die globale Finanzkrise wirkte, und auch nach dem Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Bei Naturkatastrophen neigen Bürger ebenfalls dazu, massiv Bargeld zu horten. Scheine und Münzen spielten für die psychologische Bewältigung von Krisen offenbar eine wichtige Rolle, schlussfolgern die Studienautoren. (fp)