Wer sich für ein Investment in Gold entscheidet, will vor allem eins: Sicherheit. Viele eingefleischte Edelmetallfans hassen nichts mehr als hektische Kursschwankungen. Insofern hat Gold seit gestern ein Imageproblem.

Am Montagmorgen sackte der Goldpreis im Londoner Handel aus unerklärlichen Gründen um 1,6 Prozent ab und fiel bis unter 1.237 US-Dollar je Feinunze (31,1 Gramm) – den tiefsten Stand seit Mitte Mai. Nicht nur die plötzliche Preisbewegung gab Händlern Rätsel auf, auch das ungewöhnlich hohe Handelsvolumen: Binnen weniger Sekunden hatte sich die Zahl der an der New Yorker Rohstoffbörse Comex getauschten Futures-Kontrake mit 18.150 Stück zu je 100 Unzen (entspricht insgesamt 56 Tonnen Gold!) beinahe verzehnfacht, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. Nicht einmal nach dem Paukenschlag-Sieg von Donald Trump bei den US-Präsidentschaftswahlen oder nach dem Brexit-Votum waren ähnliche Niveaus erreicht worden.

Die Ursachenforschung für den "Flash Crash" lief zunächst ins Leere. Zum Zeitpunkt des Preisrutsches war das Geschäftsklima des Münchner Ifo-Instituts für Deutschland veröffentlicht worden. Entgegen den Erwartungen hatte der Stimmungsindikator erneut einen Rekordwert erreicht. Als Auslöser für eine derart starke Marktbewegung taugt die Partylaune bundesrepublikanischer Konzernmanager allerdings kaum. Auch die rasche Beilegung der italienischen Bankenkrise, die bis zuletzt an den Nerven der Anleger genagt hatte, fiel als Auslöser aus.

Dicker Daumen
Des Rätsels Lösung ist menschengemacht: Sehr wahrscheinlich hat ein Händler versehentlich mehr Kontrakte in den Markt geschickt als geplant. "Möglicherweise hat eine unbeabsichtigt große Verkaufsorder bei ansonsten dünnen Umsätzen den heftigen Preisrückgang ausgelöst", mutmaßt Rohstoffanalyst Daniel Briesemann von der Commerzbank. Der unbekannte Unglücksrabe dürfte bei der Ordereingabe die Anzahl der Unzen und die Anzahl der Kontrakte vertauscht haben. Ähnliche Pannen gibt es an anderen Märkten immer wieder mal. Für den Edelmetallbereich ist ein solcher "Fat Finger"-Vorfall jedoch ein Novum.

Merkwürdig nur, dass der Goldpreis den Nackenschlag immer noch nicht vollständig wettgemacht hat. Normalerweise werden derartige Mistrades bei Entdeckung rückabgewickelt. Das ist im aktuellen Fall jedoch nicht erkennbar. Mit rund 1.250 US-Dollar notiert das Edelmetall nach wie vor deutlich tiefer als vor dem "Flash Crash". (ps)