Nach der Amtsenthebung der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff sind für die Finanzmärkte kurzfristig nur die Aussichten für Reformen und Sparpolitik in Brasilien relevant, sagt Maarten-Jan Bakkum, Schwellenländerstratege beim Fondsanbieter NN Investment Partners. Die Finanzmärkte sehen die brasilianische Krise sehr differenziert. "Die Zusammensetzung der Übergangsregierung von Michel Temer und die Ankündigung wirtschaftspolitischer Maßnahmen geben gerade brasilianischen Investoren Anlass zur Zuversicht, dass man das Haushaltsdefizit zügig angehen wird", so Bakkum.

Damit bestünde dem Strategen zufolge die reelle Chance, dass Investitionsklima und Unternehmervertrauen verbessert und die Rezession überwunden werden kann. Es sei indes fraglich, ob die neue Regierung in der Lage sein wird, rasche Reformen umzusetzen. Noch sei vieles unklar, etwa ob Temer und sein Team über den politischen Willen verfügen, die größten Probleme anzugehen, oder ob es ihnen bloß darum geht, politische Ämter und öffentliche Aufträge zur Pflege der Vetternwirtschaft zu sichern. Diese und weitere Fragen seien offen.

Suspendierung Rousseffs schadet Brasilien
Für Brasilien wäre es jedoch besser gewesen, Präsidentin Rousseff nicht ihres Amtes zu entheben, sagt Bakkum: "Zwar hätten Reformen dann kaum eine Chance gehabt und es hätte zu einer Schuldenkrise kommen können, doch langfristig wäre das wohl weniger schädlich gewesen als die Amtsenthebung." Nach den Wahlen 2018 hätte Brasilien mit einer demokratisch gewählten Regierung neu durchstarten, die weitverbreitete Korruption bekämpfen und die notwendigen Reformen umsetzen können.

Nun hat das Land eine neue Regierung, die nicht demokratisch gewählt wurde und die daher wenig Unterstützung in der Bevölkerung findet. "Doch wird diese Regierung drastische Maßnahmen ergreifen müssen, die die meisten Brasilianer betreffen werden", so der Stratege.

Rousseff sei Korruption vorgeworfen worden – dabei hätten Männer sie ihres Amtes enthoben, denen der gleiche Vorwurf gemacht werde: "Das ist gleichsam ein Rezept für politische Instabilität und vor allem soziale Unruhen. Damit muss sich Brasiliens junge Demokratie in einer existenziellen Krise bewähren, die ihren Höhepunkt vermutlich noch gar nicht erreicht hat." (fp)