Die rekordverdächtige Rally am Silbermarkt wird durch das Zusammentreffen einer beispiellos starken physischen Nachfrage und spekulativen Interesses in einem vergleichsweise illiquiden Markt angetrieben, meint ein führender Raffineur und Händler.

"Es gibt eine immense Nachfrage nach Silber, wie wir sie so bisher kaum gesehen haben", sagte James Emmett, CEO von MKS Pamp, in einem Interview mit "Bloomberg News". "Es ist kein Markt, der traditionell ein solches Maß an Spekulation kennt, und man sieht eindeutig mehr preisbewegende Aktivitäten kurzfristig orientierter Akteure."

Stärkste Performance seit Jahrzehnten
Silber hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt – die beste Jahresperformance seit 1979 – und die außergewöhnliche Rally in diesem Jahr mit einem weiteren Plus von 50 Prozent fortgesetzt. Auf dem Weg zu einem Rekordhoch von über 117 US-Dollar je Feinunze am Montag (26.1.) verzeichnete das Edelmetall den größten Tagesausschlag seit der globalen Finanzkrise 2008.

"Debasement Trade" und globale Unsicherheit
Weltweite Verwerfungen und der sogenannte "Debasement Trade", bei dem sich Investoren aus Staatsanleihen und Währungen zurückziehen und in Sachwerte wie Edelmetalle umschichten, haben die rasante Rally gestützt. Silber ist dabei jedoch noch stärker und schneller gestiegen als Gold, wobei extreme Intraday-Schwankungen einen Markt widerspiegeln, der von spekulativem Interesse überrollt wird.

Ein Teil der Dynamik ist auf die geringere Liquidität zurückzuführen. Auf Basis aktueller Preise und durchschnittlicher Handelsvolumina in London liegt der tägliche Transaktionswert von Gold dort etwa fünf Mal so hoch wie der von Silber. Dennoch fielen die jüngsten Preisbewegungen deutlich extremer aus als üblich.

FOMO und physische Nachfrage als Treiber
Investoren seien von der Angst getrieben, etwas zu verpassen – und würden "den Kursbewegungen hinterherjagen", sagte Emmett. Einige Anleger, die befürchteten, den Einstieg bei Gold verpasst zu haben, hätten Silber als Ersatz genutzt und als "eine Art makroökonomisch-geopolitisches Investment".

Die physische Nachfrage bleibt ein zentraler Treiber der Silberpreise, da Einzelhandels- und Großhandelsbestellungen weiterhin das Angebot übersteigen, sagte Emmett. Die Anspannung im breiteren Großhandelsmarkt sei teilweise darauf zurückzuführen, dass große Metallmengen nach Indien flössen, während Abflüsse aus den Comex-Lagerhäusern dem Londoner Markt etwas Luft verschafft hätten.

Indien als Schlüsselfaktor
Indiens enorme Nachfrage nach Silber war ein entscheidender Faktor hinter dem historischen Short Squeeze im vergangenen Jahr. Damals strömten Käufer im Vorfeld des Diwali-Festes in den Londoner Markt, während gleichzeitig große Mengen wegen Zollbedenken in Comex-Lagerhäusern in den USA gebunden waren.

Die Marktknappheit hat zudem dazu geführt, dass Silber – ähnlich wie Gold – teilweise per Flugzeug transportiert wird statt über traditionelle Seerouten. "Heute kann man es sich schlicht nicht leisten, Zeit mit dem Container auf dem Schiff zu verlieren", sagte Emmett. (mb/Bloomberg)