Selten haben die Kapitalmärkte so nervös reagiert wie derzeit im Software-Sektor. "Nicht Gewinnwarnungen, nicht schwache Bilanzen, nicht einbrechende Nachfrage prägen das Bild – sondern ein Narrativ: künstliche Intelligenz", sagt Benjamin Bente, Portfoliomanager bei Vates Invest. Er sieht in dem Repricing-Schock auch eine Chance.

Risikoannahmen haben sich verändert
"Die These, KI-Systeme könnten traditionelle Software-Modelle ersetzen, gewann zuletzt spürbar an Dynamik", so der Fondsmanager. Die Folge: "Bewertungen geraten unter Druck, Multiples komprimieren, selbst qualitativ hochwertige Geschäftsmodelle bleiben nicht verschont." Doch es sei auch eine andere Sichtweise möglich: "KI ersetzt nicht Software – sie verändert ihre Rolle, ihre Architektur und ihre Produktivitätslogik."

Bemerkenswert an der aktuellen Marktphase ist für Bente die Diskrepanz zwischen operativer Realität und Bewertungsentwicklung: "Viele Software-Unternehmen liefern weiterhin robuste Wachstumsraten, stabile Margen und planbare Cashflows. Der Druck entsteht primär auf Erwartungsebene. Kapitalmärkte bewerten nicht Gegenwart, sondern Zukunft." Und da erweitere KI die Bandbreite möglicher Szenarien erheblich. Die steigende Unsicherheit wirke sich unmittelbar auf Bewertungsmaßstäbe aus – selbst bei unverändert soliden Fundamentaldaten. Bente: "Repricing ist in diesem Kontext weniger ein Urteil über bestehende Geschäftsmodelle als Ausdruck veränderter Risikoannahmen."

Neubewertung von Wertschöpfungsannahmen
Der aktuelle Bewertungsdruck signalisiert für Bente nicht das Ende der Software-Industrie: "Er signalisiert die Neubewertung zukünftiger Wertschöpfungsannahmen." Solche Phasen seien historisch keineswegs ungewöhnlich. "Technologische Paradigmenwechsel führten regelmäßig zu: kurzfristiger Bewertungsvolatilität, steigenden Risikoabschlägen, aber auch zu außergewöhnlichen Investmentchancen." 

Bente: "Repricing bedeutet nicht Zerstörung. Repricing bedeutet Neujustierung." Die gegenwärtige Neubewertung sei Ausdruck eines Marktes, der Zukunft neu kalibriert. Märkte reagieren kurzfristig auf Unsicherheit. Langfristig reagieren sie auf Produktivität. Und genau hier dürfte sich seiner Meinung nach entscheiden, welche Software-Unternehmen im KI-Zeitalter zu den strukturellen Gewinnern zählen. (jh)