"Von den vielen Risiken, die Vermögensverwalter berücksichtigen müssen, ist eines im Jahr 2022 zunehmend in den Vordergrund getreten: der Wandel zu einer multipolaren Welt", schreibt Sonja Laud, Anlagechefin von Legal & General Investment Management in einem Beitrag für die "Financial Times". Das habe tiefgreifende Auswirkungen, nicht nur auf Unternehmen, auch auf politische Entscheidungsträger und nicht zuletzt Investoren.

"Seit dem Aufstieg Chinas zur Supermacht bewegen wir uns auf eine Welt zu, in der die Spannungen zwischen den globalen Mächten – und ihren Stellvertretern – immer schwieriger einzudämmen sind", so Laud. Der Einmarsch Russlands in der Ukraine und die wachsende Nervosität in den Beziehungen zwischen China und Taiwan zeigen nach ihrer Auffassung, dass sich der Wandel noch beschleunigt hat.

Das Blatt hat sich gewendet
Es sei die Globalisierung als wichtigste Triebkraft für die stabile Phase der sogenannten "Great Moderation" vor der Finanzkrise 2008 gewesen, in der Unternehmen Zugang zu niedrigen Inputkosten hatten und das Wirtschaftswachstum von einer höheren Produktivität profitiert habe. Diese globalen Effizienzgewinne hätten eine niedrige Inflation ermöglicht, die wiederum eine anhaltend akkommodierende Geldpolitik möglich gemacht habe.

Mit einer durch die Globalisierung gewachsenen Wohlstands- und Einkommensungleichheit, dem seit Jahresbeginn anhaltenden Konflikt in der Ukraine sowie anhaltenden Spannungen zwischen den USA und China habe sich das Blatt inzwischen gewendet und zu einer Art "Slowbalisierung", wenn nicht gar einer völligen Deglobalisierung geführt.

Wer sich anpasst, kann überdurchschnittlich profitieren
Vor diesem Hintergrund würden sich die politischen Entscheidungsträger mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert sehen, die dringende Aufmerksamkeit und neues Denken erfordern, so Laud, und zwar von der Diplomatie über die Wirtschaft bis hin zur Umwelt und sogar zur Kultur: "Es gilt, nicht nur den Druck auf die Verbraucher zu verringern, sondern gleichzeitig Energiesicherheit zu erreichen und eine Klimakatastrophe abzuwenden."

Die erfahrene Investmentexpertin bringt die Konsequenzen für Investoren in einem Satz auf den Punkt: "Als Anleger müssen wir uns von der Jagd nach Wertzuwächsen in einer Welt des leichten Geldes verabschieden und stattdessen Kapital in Unternehmen investieren, die die globale Energiewende vorantreiben, die Produktion verlagern, stabile Lieferketten schaffen und die globale Sicherheit erhöhen." Denn in einer multipolaren Welt werden nach ihrer Auffassung diejenigen, denen dies gelingt, wahrscheinlich nicht nur überleben, sondern überdurchschnittlich profitieren. (hh)