Viele Investoren gehen davon aus, dass bald deutlich höhere Inflationsraten zu beobachten sein werden. Ihre Argumentation: Wenn die Corona-Pandemie in absehbarer Zeit ausgestanden ist und die Lockdowns Geschichte sind, wird sich die angestaute Konsumnachfrage schlagartig entladen und die Verbraucherpreise in die Höhe treiben. "Aktueller Konsens ist, dass sich die Weltwirtschaft kräftig erholen wird, wenn die Volkswirtschaften dank erfolgreicher Impfkampagnen wieder hochgefahren werden können, unterstützt durch eine wachstumsförderliche Fiskal- und Geldpolitik", erklärt Ariel Bezalel von Jupiter Asset Management. "Tatsächlich scheinen die Märkte fest an eine Rückkehr der Inflation zu glauben."

Der Manager des milliardenschweren Jupiter Dynamic Bond Fund sieht das indes etwas anders. Zwar dürfte die Inflation in der Tat deutlich anziehen, wenn Geschäfte wieder geöffnet haben und das Reisen wieder einfacher wird, räumt er ein. "Dieser Effekt dürfte aber schon nach wenigen Quartalen wieder verpuffen, wenn das Wachstum letztlich doch hinter den Erwartungen zurückbleibt", sagt er. Bezalel hält Reflationsprognosen für übereilt, denn er sieht mehrere strukturelle Faktoren, die die Teuerung ausbremsen: die hohe Staatsverschuldung, die "Zombifizierung" der Wirtschaft, durch die immer mehr Firmen nur durch billiges Geld am Leben gehalten werden, die alternden Bevölkerungen sowie die Folgen von Globalisierung, technologischem Fortschritt und Niedriglohnarbeit.

Konsumenten dürften vorsichtig bleiben
Die Bereiche, in denen sich die aufgestaute Nachfrage voraussichtlich entladen wird, haben einen Anteil von gerade einmal 8,5 Prozent an den gesamten Verbraucherausgaben, erklärt der Jupiter-Experte. Er geht zudem davon aus, dass sich nicht alle Verbraucher gleich wieder ins Vergnügen stürzen. Viele dürften ihre Gewohnheiten von vor der Pandemie nur langsam wieder aufnehmen – auch aus finanziellen Gründen. "Diejenigen, die im vergangenen Jahr kalt erwischt wurden, weil sie kaum Ersparnisse hatten, werden diesen Fehler nicht noch einmal machen wollen", sagt Bezalel. Er rechnet damit, dass die Sparquoten der privaten Haushalte noch eine Weile deutlich erhöht bleiben.

Und noch etwas spricht gegen einen dauerhaften Nachholeffekt: Eine wesentliche Komponente der Verbraucherausgaben sind Käufe langlebiger Gebrauchsgüter. Und in diesem Bereich haben Verbraucher im vergangenen Jahr trotz Pandemie zugeschlagen. "In den USA wurde deutlich mehr als normal für Gebrauchsgüter wie Autos, Möbel oder Elektrogeräte ausgegeben", berichtet Bezalel. Der Anteil der Gebrauchsgüterausgaben am Bruttoinlandsprodukt erreichte den höchsten Stand seit Anfang 2007. Weil es sich bei langlebigen Gebrauchsgütern meist um einmalige oder zumindest sehr selten getätigte Anschaffungen handelt, gibt es in diesem Segment nicht viel Nachholbedarf. (fp)