Forscher der Stanford University haben Hinweise darauf gefunden, dass Händler einen der beliebtesten Bitcoin-Wettmärkte von Polymarket manipulieren könnten. Dafür beeinflussen sie offenbar kurzfristig den Bitcoin-Kurs, der zur Abrechnung der Wetten verwendet wird.

Das Working Paper wurde gemeinsam mit einem Forscher der Singapore Management University verfasst. Untersucht wurden über einen Zeitraum von rund zwei Monaten Fünf-Minuten-Bitcoin-Wetten auf Polymarket. Die Forscher fanden wiederholt Phasen einseitigen Handels an der Kryptobörse Binance, die den Bitcoin-Kurs in den letzten Sekunden vor Ablauf der Wetten vorübergehend bewegten. Davon profitierten Händler, die auf dieselbe Kursrichtung gesetzt hatten.

Die Aktivität war besonders ausgeprägt, wenn bereits kleine und nur kurzzeitige Kursbewegungen darüber entscheiden konnten, ob eine Wette ausgezahlt wurde. Die Forscher bezeichneten das Muster als einen "vorübergehenden Schub zur Manipulation des Kassapreises".

Strukturelle Schwachstelle
Prognosemärkte werden traditionell zur Vorhersage von Wahlen und Sportereignissen genutzt, bei denen Händler das Ergebnis nicht ohne Weiteres beeinflussen können. Nach Ansicht der Forscher sind Wetten auf Finanzwerte jedoch anfällig für Manipulation, weil Teilnehmer denselben Vermögenswert handeln können, der über Gewinn oder Verlust entscheidet.

"Diese Kontrakte weisen eine strukturelle Schwachstelle auf", schrieb Shihao Yu, Assistenzprofessor an der Singapore Management University und Mitautor der Studie. "Sie werden auf Grundlage eines Preises abgerechnet, den Händler durch den Handel mit dem zugrunde liegenden Vermögenswert selbst bewegen können."

Die Ergebnisse erscheinen zu einer Zeit, in der Börsen Prognosemärkte für Finanzwerte ausbauen. Der Börsenbetreiber Cboe Global Markets hat mit der Einführung entsprechender Produkte begonnen, die Nasdaq hat die Genehmigung für ähnliche Kontrakte beantragt. Damit könnten die in der Studie aufgeworfenen Fragen über Kryptowährungen und Polymarket hinausreichen.

Polymarket kündigt Änderungen an
"Polymarket nutzt mehrere unabhängige Preis-Oracles, um Daten zu aggregieren und Genauigkeit sicherzustellen", sagte ein Unternehmenssprecher. Das Unternehmen wolle bestimmte Märkte im kommenden Jahr auf Abrechnungsmethoden umstellen, die Preise über einen längeren Zeitraum statt zu einem einzelnen Zeitpunkt verwenden. Dies werde "die Marktintegrität zusätzlich sicherstellen".

Die Studie dokumentiert zwar ungewöhnlichen Bitcoin-Handel rund um die Abrechnung kurzfristiger Bitcoin-Wetten, beweist jedoch weder, dass dieser von Polymarket-Nutzern ausging, noch eine Manipulationsabsicht. Nach Einschätzung von Elton Shehdula, Forschungsleiter beim Kryptoanalyseunternehmen Allium, liefern die Ergebnisse jedoch Belege, die mit Manipulation vereinbar seien.

"Das Muster erscheint mir real", sagte Shehdula. Die entscheidende Frage sei, ob die Händler auf Binance und die Polymarket-Wallets mit den Gewinnen miteinander verbunden seien.

Auffällige Muster bei kurzen Laufzeiten
Die Fünf-Minuten-Bitcoin-Märkte von Polymarket werden zwar anhand von Preisdaten mehrerer Oracles und nicht einer einzelnen Handelsplattform abgerechnet. Dennoch stellten die Forscher fest, dass die Kontrakte während des Untersuchungszeitraums in rund 85 Prozent der Fälle auf derselben Seite wie Binance abgerechnet wurden. Dadurch eignete sich die Börse als Näherungswert für den endgültigen Abrechnungspreis.

Die Studie analysierte rund 16.000 Fünf-Minuten-Kontrakte über einen Zeitraum von zwei Monaten. Bei nahezu ausgeglichenen Wetten war der Orderfluss auf Binance kurz vor der Abrechnung laut Studie rund 3,9 Mal so hoch wie in anderen Zeiträumen. Auffällige Handelsmuster traten besonders häufig nachts und an Wochenenden auf, wenn geringere Handelsvolumina Kursbewegungen erleichtern. Die Forscher schätzen, dass die von ihnen als wahrscheinliche Manipulatoren identifizierten Händler innerhalb von zwei Monaten rund 8,2 Millionen US-Dollar verdient haben.

Bei 15-Minuten-Bitcoin-Märkten fanden die Forscher dagegen kaum vergleichbare Handelsmuster. Längere Zeiträume erschwerten nach ihrer Einschätzung eine Beeinflussung des Ergebnisses und könnten die identifizierte Schwachstelle verringern.

Ein Sprecher von Cboe Global Markets erklärte, die Studie unterstreiche die Bedeutung einer sorgfältigen Produktgestaltung und Marktaufsicht. Die eigenen Prognosemarkt-Produkte unterschieden sich jedoch in wesentlichen Punkten von den untersuchten Bitcoin-Wetten. (mb/Bloomberg)