Noch vor wenigen Wochen kaufte die britische Zentralbank Staatsanleihen, um die auf die Steuerpläne von Ex-Premierministerin Elizabeth Truss folgenden Verwerfungen am Markt zu lindern. Nur kurze Zeit später, am gestrigen 1. November, versteigerte sie die ersten 750 Millionen Pfund (870 Mio. Euro) an Wertpapieren mit kurzer Laufzeit. 

Der Anleiheverkauf soll das Programm der quantitativen Lockerung rückgängig machen, mit dem die Bank of England in Reaktion auf die globale Finanzkrise und die Corona-Pandemie die Wirtschaft stützte. Mit dem Kauf der Bonds hatte die BoE die Zinsen in Richtung null gedrückt, in der Hoffnung, dass billigeres Geld das Vertrauen der Anleger stärken und das Wirtschaftswachstum fördern werde.

"Mit QT betreten die Zentralbanken Neuland"
QE hielt die Marktzinsen in der Tat im Zaum. Ob die nun beginnende quantitative Straffung ein Prozess im Hintergrund bleibt, wie Notenbankgouverneur Andrew Bailey hofft, muss sich zeigen. "Die Straffung der Geldpolitik über den Zinskanal hat sich bewährt", sagte Paul Hollingsworth, Chefökonom für Europa bei BNP Paribas. "Mit QT betreten die Zentralbanken Neuland – die Risiken unbeabsichtigter Folgen sind eindeutig höher."

Die Verkäufe kommen für Finanzministerium und Bank of England zu einem heiklen Zeitpunkt. Zur Eindämmung der Inflation, die ein 40-Jahres-Hoch erreicht hat, haben sich beide von der Ankurbelung der Konjunktur abgewandt. Die Analysen von Volkswirten deuten ebenso wie Umfragen in der Industrie darauf hin, dass bereits eine Rezession im Gange ist.

Britisches Finanzloch wird immer größer 
Anleger haben zudem den Umstand zu verdauen, dass Großbritannien im kommenden Fiskaljahr so viel Geld am Anleihemarkt beschaffen will wie noch nie, um das wachsende Haushaltsdefizit zu stopfen. Mit den derzeitigen Trends könnte das Finanzloch 2022/23 bis zu 170 Milliarden Pfund erreichen. Im März hatte das Office for Budget Responsibility noch ein Defizit von 99 Milliarden Pfund prognostiziert. 

Die Leitzinsen wurden von der Bank of England zur Eindämmung der Inflation seit Dezember bereits sieben Mal angehoben. Dennoch hat die Teuerung in Großbritannien 10,1 Prozent erreicht und Volkswirte rechnen damit, dass die Notenbank die Zinsen am Donnerstag um weitere 75 Basispunkte erhöhen wird. Mit dem größten Zinsschritt seit 33 Jahren würden sie auf das höchste Niveau seit Ende 2008 steigen. Kurz danach wurde das QE-Programm begonnen. (mb/Bloomberg)