Volkswirte erwarten laut einer vom 4. bis 7. Mai durchgeführten "Bloomberg"-Umfrage im Juni und September Zinsschritte der Europäischen Zentralbank (EZB) um jeweils einen Viertelpunkt. Damit nähern sich die Prognosen stärker den Markterwartungen von mindestens zwei Erhöhungen in diesem Jahr an. In der vorherigen Befragung war lediglich eine einzige Anhebung des Einlagensatzes erwartet worden, der derzeit bei zwei Prozent liegt.

Inflation dürfte stärker steigen
Die Inflation dürfte den Prognosen zufolge in diesem Jahr auf 2,9 Prozent steigen, nach 2,8 Prozent in der vorherigen Umfrage. Für 2027 rechnen die Analysten mit einem Rückgang auf 2,1 Prozent, bevor 2028 das Ziel der EZB von zwei Prozent erreicht wird.

Die EZB hat Zinserhöhungen bislang zurückgestellt, während sie die wirtschaftlichen Folgen des Konflikts im Nahen Osten bewertet. Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel erklärte in der vergangenen Woche, die Geldpolitik müsse gestrafft werden, falls sich der Energieschock ausweite.

Straße von Hormus im Fokus
Laut dem scheidenden EZB-Vizepräsidenten Luis de Guindos wird die Frage der Öffnung der Straße von Hormus der entscheidende Faktor für die Sitzung im Juni sein. Er bezeichnete das derzeitige Maß an Unsicherheit als "brutal".

Für den Zinsschritt im September gibt es nur eine knappe Mehrheit in der Umfrage. Zudem deutet die Erhebung darauf hin, dass im März kommenden Jahres eine Zinssenkung erfolgen könnte. Hintergrund sind unter anderem eingetrübte Konjunkturaussichten: Die Analysten senkten ihre Wachstumsprognose für 2026 von zuvor 0,9 auf 0,8 Prozent. Für 2027 erwarten sie ein Wachstum im Euroraum von 1,3 Prozent, für 2028 von 1,5 Prozent. (mb/Bloomberg)