Höher, schneller, weiter: Eine Gruppe von Ausnahme-Aktien zog nicht zuletzt dank ihrer Spitzenperformance einst die Aufmerksamkeit privater und professioneller Anleger in den USA auf sich. Ganz konkret geht es um die Börsenphase der Jahre 1964 bis Anfang 1972. "Seinerzeit sah sich die Welt konfrontiert mit sinkenden realen Wachstumsraten, niedrigen realen Zinsen am Rentenmarkt, hoher Unsicherheit angesichts des Kalten Krieges und Börsenkursen, die über Jahre nicht wirklich vom Fleck kamen", schildert Benjardin Gärtner, Leiter Portfoliomanagement Aktien bei Union Investment.

Nur die so genannten "Nifty Fifty" konnten sich absetzen. Bei den "flotten 50“ handelte es sich um eine Gruppe großer Unternehmen, die den widrigen Umständen trotzten und in den acht genannten Jahren eine durchschnittliche jährliche Outperformance von 189 Prozent oder annualisierten 15 Prozent gegenüber dem S&P 500 erzielten.

"Zu der sagenumwobenen Gruppe zählten seinerzeit Namen, die heute noch verlässlich Gewinne liefern wie etwa Coca-Cola, McDonald‘s oder Walt Disney", erklärt Gärtner. Sie umfasste aber auch Adressen, die auf dem Weg ins digitale Zeitalter Federn gelassen haben oder untergingen, etwa der Filmhersteller Eastman Kodak oder der Kopiergeräteproduzent Xerox.

Exorbitante Kurs-Gewinn-Relationen
Die Bewertung der Nifty Fifty stieg in den 1960er und 1970er Jahren in astronomische Höhen. "In der Spitze musste ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von mehr als 40 für die Top-Aktien gezahlt werden. Die durchschnittliche Bewertung der 50 überstieg die des S&P 500 um 96 Prozent", so Gärtner. Offensichtlich waren die hohen Preise der Papiere seinerzeit gerechtfertigt – die Kurse stiegen, die Gewinne sprudelten. 

Rückblickend stellt sich also die Frage: Was hatten diese 50 Konzerne, was die anderen 450 Unternehmen im S&P 500 nicht hatten? "Das nämlich führt zu den Charakteristika, die mit einiger Wahrscheinlichkeit auch die Börsenlieblinge der kommenden Jahre auszeichnen", ist Gärtner gewiss.

Mix aus Superkräften
Da wäre zum einen eine starke Marktstellung und die damit verbundene Preissetzungsmacht. "Zum anderen wiesen die Adressen einen positiven Track Record, also eine Erfolgshistorie hinsichtlich ihres Umsatzwachstums auf." Gärtners These: Wer Quartal für Quartal steigende Umsätze verzeichnet, wird in einer konjunkturellen Schwächephase stabiler bleiben als Konzerne mit stärkeren Schwankungen in den Erträgen. "Zudem lässt sich der Cashflow besser prognostizieren."

Dies alles führe dazu, dass das Gewinnwachstum über den gesamten Zeitraum deutlich über dem Durchschnitt lag, was die Investoren honorierten. "Hinzu kommen idealerweise Charakteristika wie etwa eine gesunde Bilanz, finanzielle Stärke sowie eine nachhaltige und attraktive Dividende." Letztere bewirke, dass diese Aktien in einer Schwächephase erst am Ende aus den Portfolios der Investoren aussortiert werden – schließlich liefern sie im Gegensatz zu vielen anderen Konzernen laufend Erträge. Gärtner: "Entsprechend sind sie widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks."

Neuzeitliche "Nifty Fifty": Wohltuende Langeweile
Wer sind also die "flotten 50" der Gegenwart, die auch unter widrigen Umständen weiter wachsen? Viele der Namen, die Gärtner nennt, überraschen nicht wirklich. "In Europa haben beispielsweise Adidas, Nestlé oder ASML in den vergangenen Jahren stabile Erträge geliefert und – das ist entscheidend – werden das auch in den kommenden Jahren unter erschwerten Bedingungen tun." Es sei schwer, ein Szenario zu konstruieren, in denen diese Unternehmen ernsthaft in Schwierigkeiten geraten.

Microsoft ist ebenfalls einer von Gärtners Kandidaten, das gleiche gelte für Mastercard oder Unternehmen aus der Medizintechnikbranche wie Stryker. "Sie alle nehmen in ihren Branchen dominante Positionen ein." Die Schlussfolgerung des Union-Investment-Profis: Wenn Konkurrenten es in den zurückliegenden guten Jahren nicht geschafft haben, diesen Konzernen die Marktstellung streitig zu machen, dann werden sie es auch in einem schwierigen Umfeld nicht schaffen.

Gärtner dazu: "Für Leute, die das schnelle Börsenabenteuer suchen, mögen diese robusten Aktien nichts sein und mitunter langweilig klingen. Vielleicht sind sie das auch, aber sie bieten Verlässlichkeit in schwierigen Zeiten. In einer Zeit, in der die Gewinne nicht mehr wachsen, in der die wirtschaftliche Dynamik nachlässt und geopolitische Risiken die Kurse ins Wanken bringen, sind Langeweile und Verlässlichkeit keine schlechten Begleiter. Zumal wenn sie, wie die Nifty Fifty seinerzeit, eine signifikante jährliche Outperformance mitbringen."

Verblasster Glanz
Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Nifty Fifty alter Prägung bereiteten ihren Anlegern lange Zeit viel Freude. Dann folgte der Bärenmarkt in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre. Auch die "flotten 50“ konnten sich dem nicht länger entziehen und werteten spürbar ab. Bis zum Ende der Dekade notierten sie wieder nahe am Durchschnitt aller S&P-500-Aktien. Einige erwischte es besonders arg. "Damals wie heute gehört zum Anlageerfolg neben einer guten fundamentalen Analyse eben auch das Gespür für das richtige Timing", sagt Gärtner. (kb/ps)