Den Deutschen haftet seit Jahren ein nicht ganz unproblematischer Titel an: der des "Sparweltmeisters". Jüngste Zahlen belegen, dass das Vermögen hiesiger Haushalte sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten fast verdoppelt hat. Stolz oder Jubelausbrüche ob dieser Leistung wären jedoch fehl am Platz. Denn paradoxerweise, also in Verkennung der mehrjährigen Zinsmisere, landet das meiste davon weiterhin unter dem Kopfkissen oder versauert auf dem Girokonto, stellt Giovanni Gay, Geschäftsführer bei der genossenschaftlichen Fondsgesellschaft Union Investment (UI), fest.

Seit der Jahrtausendwende haben sich Bargeld und Sichteinlagen verdreifacht, das Vermögen auf deutschen Girokonten ist auf 960 Milliarden Euro angewachsen. Doch mit dieser Form des "Sparens" lässt sich schon lange keine Rendite mehr erzielen, erst recht nicht nach Abzug der allgemeinen Teuerung.

Die Folgen sind dramatisch: Der Anteil, den Erträge wie Zinsen und Kurszuwächse an der Vermögenszunahme ausmachen, befindet sich seit Jahren im freien Fall, stellt die UI in einer Studie fest. "Vor einer Dekade betrug er noch 71 Prozent. Durch den Rückgang der Zinsen ist dieser Anteil auf 25 Prozent abgestürzt. Der Kapitalzuwachs speiste sich in 2019 bei denen, die ihr Geld auf Tagesgeld-, Festgeld- und Sparkonten halten, zu 98 Prozent – also fast vollständig – aus Sparanstrengungen," erläutert Gay.

 

Anders ausgedrückt: Deutsche Sparer verlieren inflationsbereingt regelmäßig Geld, werden also ärmer statt wohlhabender. "Wenn die Menschen mit dem Girokonto sparen, dann kann man eigentlich nicht von Geldanlage, sondern nur von Geldablage reden", sagt Gay. Seit 2010 hat die Inflation kombiniert mit niedrigen Zinsen laut UI-Kalkulation gut 130 Milliarden Euro aufgefressen, davon allein knapp 100 Milliarden Euro zwischen 2017 und 2019. Statistisch betrachtet verlor jeder Bundesbürger allein 2019 rechnerisch etwa 380 Euro. 

Lückenschluss leicht gemacht
Der Union-Investment-Experte sieht nur einen Ausweg: "Um der Realzinsfalle zu entkommen, führt kein Weg an aktienbasierten Anlagen vorbei", sagt er. "Hundert Euro bleiben nur dann hundert Euro, wenn wir die Inflation schlagen. Das gelingt mit unseren beliebtesten Sparformen nicht." 

Wie ein zeitgemäßer Vermögensaufbau fürs Alter de facto aussehen kann, zeigt neben dem aktuell laufenden Sparplan-Check von FONDS professionell ein spannendes Sparplan-Rechenbeispiel von Union Investment.

Die Annahmen der UI-Hochrechnung klingen plausibel: Schon heute müssen angestellte 35-Jährige beim Renteneintritt mit 67 typischerweise mit einer monatlichen Nettorente nach heutiger Kaufkraft von etwa 1.200 Euro rechnen. "Dies entspricht circa 60 Prozent des voraussichtlichen letzten Nettogehalts in Höhe von etwa 2.000 Euro", heißt es in der begleitenden Studie. Doch das reicht nicht - außer, man schränkt sich und seinen Lebenspartner budgetmäßig arg ein. 80 Prozent des letzten Nettogehalts scheinen für die finanzielle Beweglichkeit im Ruhestand erstrebenswerter. Dann aber "fehlen" bei einer angenommenen Rentenbezugsdauer von 15 Jahren jeden Monat rechnerisch rund 400 Euro, was einer kalkulatorischen Rentenlücke von etwa 72.000 Euro entspricht.

Mit Aktienfonds-Sparplänen ist es am billigsten
Typische 35-jährige im Angestelltenverhältnis, die bei einem Durchschnittsgehalt von aktuell  brutto 40.552 Euro pro Jahr eine erwartbare Rentenlücke von rund 72.000 Euro zu schließen suchen, könnten den Großteil optimal in ein Langfrist-Investment auf Aktienfonds-Basis stecken, so die UI-Auswertung. Bei einer jährlichen Sparplan-Rendite aller in Deutschland erhältlichen Aktienfonds vor Kosten und Steuern von 6,2 Prozent müssten sie demnach insgesamt nur 23.600 Euro oder ab jetzt Monat für Monat gerade mal 61 Euro (!) zur Seite legen.

Wer eher auf Sicherheit bedacht ist und stattdessen über die allseits beliebten Mischfonds die gleich große finanzielle Lücke im Alter schließen will, muss wegen der niedrigeren historischen Sparplan-Rendite dieses populären Anlagevehikels in dem Rechenbeispiel über 32 Jahre schon ganze 45.565 Euro (also rund 21.970 Euro oder satte 93 Prozent mehr als der Aktienfonds-Vorsorger) aufbringen. Auf den Monat heruntergebrochen wären es in diesem Fall 119 statt 61 Euro - also in etwa das Doppelte.

Doch auch das scheint geradezu erschwinglich beziehungsweise super-vernünftig. Der klassische Bundesbürger muss nämlich aufgrund der negativen Rendite seines favorisierten "Vorsorge"-Vehikels - des Girokontos - bei Renteneintritt mehr als 90.000 Euro angespart haben. Und das, um 70.000 Euro "auszugleichen" - was für ein Verlustgeschäft! Wobei die laufenden Kontokosten noch nicht einmal berücksichtigt sind.

Auf den Punkt gebracht: Im Vergleich zum Girosparer hat der Aktienfondssparer somit Monat für Monat fast 180 Euro mehr in der Tasche, die er für andere Dinge verwenden kann, sagt Gay. (fp/ps)