Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft. Vor allem der nahende Brexit und der eskalierende Handelsstreit, aber auch die schwierige wirtschaftliche Lage in der Türkei setzen der heimischen Industrie zu. Die ersten Marktbeobachter beschwören bereits eine Rezession herbei. "Deutschland spürt die Wucht des sich abschwächenden Welthandels stärker als andere Länder – und ist so zum ökonomischen Schlusslicht in der Eurozone mutiert", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt bei Union Investment.

Die Firmenlandschaft in Deutschland leidet auch unter strukturellen Problemen. So liegt die Stärke der deutschen Wirtschaft vor allem in der exportolastigen "Old Economy" -Branchen, wie ein Blick auf den Leitindex Dax zeigt. Industrie-, Chemie-, Auto- und Finanztitel machen derzeit fast zwei Drittel des Index aus. Dafür sind "New Economy"-Unternehmen aus Zukunftsbranchen wie IT und Biotechnologie beispielsweise in den USA börsenseitig deutlich stärker vertreten.

Frankreich als Vorbild
Klimawandel und Digitalisierung setzen die "Old Economy" zunehmend unter Druck. Um nicht den Anschluss zu verlieren, sind massive Investitionen vonnöten – die die deutschen Unternehmen aber oftmals schleifen lassen. "Sie sollten sich ein Beispiel an Frankreich nehmen. Französische Unternehmen nutzen die Negativzinsen viel aggressiver", sagt Zeuner.

Sie nehmen deutlich mehr Kredite auf, um Investitionen und Übernahmen zu finanzieren und stellen damit wichtige Weichen für die Zukunft. Bei deutschen Unternehmen sei die Innovationsfähigkeit zwar grundsätzlich vorhanden, sagt Zeuner. Das Umfeld lade aber trotz Negativzinsen nicht zu mehr Investitionen ein. "Wir brauchen in Deutschland und in Europa klare, stabile Rahmenbedingungen, damit sich die deutschen Firmen wieder stärker auf die Heimat Europa fokussieren können", fordert Zeuner. Hierzu zählen etwa ein flächendeckender Breitbandausbau, höhere Forschungs- und Bildungsausgaben sowie eine moderne Zuwanderungsgesetzgebung. (fp)