US-Schulden: Kenneth Rogoffs düstere Warnung an Washington
Die US-Staatsverschuldung hat die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten. Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff fürchtet, dass Washington trotzdem nicht gegensteuern wird. Erst ein schwerer Schock könnte seiner Ansicht nach den politischen Druck für Reformen erzeugen.
Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff warnt, dass die sich verschärfende Haushaltslage der US-Regierung wohl so lange nicht angegangen wird, bis eine schwere Krise die Wähler aufrüttelt und dazu bringt, Veränderungen einzufordern.
Die US-Schulden seien jahrelang ungebremst gestiegen, weil unter Wirtschaftswissenschaftlern an Universitäten eine "beinahe religiöse" Überzeugung geherrscht habe, dass die Zinsen auf unbegrenzte Zeit fallen würden, sagte Rogoff am Freitag (28.8.) in einem Interview mit "Bloomberg Television". Doch auch als die Zinsen ihre Tiefstände hinter sich ließen und weiter stiegen, hätten die politischen Entscheidungsträger nicht gegengesteuert, fügte er hinzu.
"Teufelskreis" droht
"Die Zinsen haben die Richtung gewechselt, Washington aber nicht", sagte Rogoff, ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), der sich in Jackson Hole im US-Bundesstaat Wyoming aufhielt, um beim jährlichen Symposium der Federal Reserve Bank of Kansas City zu sprechen.
Rogoffs Äußerungen fallen in eine Zeit stark steigender US-Staatsschulden, die jüngst die Marke von 40 Billionen Dollar überschritten und selbst bei einigen früheren Befürwortern einer weniger strikten Defizitpolitik Besorgnis ausgelöst haben. Steigende Zinsen – zuletzt unterstrichen durch eine Auktion 30-jähriger US-Staatsanleihen, bei der die Finanzierungskosten den höchsten Stand seit 2001 erreichten – erhöhen die Zinsausgaben. Dadurch droht ein möglicher "Teufelskreis": Die Verschuldung nimmt zu, während Anleger immer höhere Renditen verlangen. Zudem herrscht in Washington Konsens darüber, dass die Wähler Steuererhöhungen oder drastische Ausgabenkürzungen zur Verringerung des Defizits ablehnen würden.
Wenig Spielraum in der nächsten Krise
Langlaufende US-Staatsanleihen spiegelten inzwischen ein Umfeld wider, in dem die Fed und die US-Regierung im Falle einer Krise nur begrenzten Handlungsspielraum hätten, sagte Rogoff.
Als mögliche Schocks in den kommenden fünf Jahren nannte Rogoff einen Cyberkrieg, Verwerfungen durch künstliche Intelligenz oder – "am wahrscheinlichsten" – einen Konflikt zwischen China und Taiwan. Solche Szenarien könnten die Zinsen deutlich nach oben treiben.
"Die Krise kommt, wenn ein Schock eintritt und man nicht widerstandsfähig ist", sagte Rogoff. Den Iran-Krieg bezeichnete er als "kleinen Schock im Vergleich zu dem, was in den kommenden fünf Jahren passieren könnte".
Rogoff erwartet Reformen erst nach einer Krise
Ähnlich deutlich äußerte er sich zur Reform der US-Rentenversicherung Social Security. Bedeutende Maßnahmen bei den staatlichen Sozialprogrammen würden eine Krise als Auslöser für Veränderungen erfordern, da die Wähler weiterhin nicht von der Dringlichkeit überzeugt seien.
Rogoff sagte, sein Buch "Our Dollar, Your Problem" sage voraus, dass die Situation "in irgendeiner Form in einer Krise enden wird", bevor Reformen politisch durchsetzbar werden. Jeder Kandidat, der 2028 mit dem Versprechen antrete, Social Security zu sanieren, werde feststellen, dass "die Leute abschalten". (mb/Bloomberg)













