Die Europäische Zentralbank (EZB) wird ihre Pläne nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine ändern müssen. Ursprünglich wollte die sie die Leitzinsen anheben, um die anhaltende Inflation zu bekämpfen. Das ist jetzt durch den Angriff Russlands und die daraus folgenden Wirtschaftssanktionen nicht mehr möglich, analysiert Adolf Rosenstock, volkswirtschaftlicher Berater beim Vermögensverwalter Main Sky AM. "Angesichts erhöhter Risiken für die Finanzstabilität und der Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen kann die EZB ihren expansiven geldpolitischen Pfad zum jetzigen Zeitpunkt nicht verlassen“, sagt Rosenstock. Stattdessen muss sie die hohen Inflationsraten noch bis zum Jahr 2024 ignorieren, schätzt der Berater. 

Schon vor dem russischen Angriff lag die Teuerungsrate in der Eurozone im Februar bei 5,8 Prozent. Selbst die Kernrate lag bei immerhin 2,7 Prozent. Das zeigt, dass die höheren Energie- und Rohstoffkosten der Unternehmen nun bei Dienstleistungen und Gebrauchsgütern ankommen, erklärt Rosenstock. Der russische Ausschluss verschärft die Situation nun: Öl und Gas werden knapper und damit noch teurer. Während sich die Energiepreise im Jahr 2021 im Vergleich zum Vorjahr bereits verdoppelt haben, rechnet Rosenstock damit, dass sie dieses Jahr sogar auf das Dreifache steigen könnten. Je nachdem, wie sich der Konflikt entwickelt, "könnte das Ergebnis aber auch noch deutlich höher ausfallen“, sagt der Berater. 

"Im besten Fall erlebt Deutschland nur einen Abschwung“
"Wir müssen einen höheren Anteil unserer Einkommen für Energieimporte aufwenden als zuvor“, erklärt Rosenstock. “Wir werden relativ ärmer.“ Das wirkt sich auf die ganze Volkswirtschaft aus, indem Konsum und Investitionen abnehmen. "Im besten Fall erlebt Deutschland nur einen Abschwung“, prognostiziert der Experte. Wenn die Inflation aber eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzt, "haben wir ein nachhaltiges Inflationsproblem.“ Bislang sieht Rosenstock dafür aber noch keine Anzeichen. (fp)