Wenn die langfristigen Zinsen sinken, ist die Angst vor einem Konjunktureinbruch meist groß. "Die 'Bären' sagen, dass der Einbruch der Anleiherenditen ein hohes Maß an Konjunkturangst widerspiegelt, und dass dies mit steigenden Aktienkurse unvereinbar sei", sagt François-Xavier Chauchat, Mitglied des Investmentkomitees bei Dorval Asset Management. Er hält nicht viel von diesem Argument. Im Gegenteil: Die ultraniedrigen Zinsen haben das KGV von Aktien nicht aufgebläht, ist der Vermögensprofi überzeugt.

Sie haben jedoch dazu beigetragen, den Aktienmarkt in zwei Lager zu spalten: Für hochwertige "Growth"-Werte sind Anleger bereit, höhere Preise zu zahlen. "Value"-Titel dagegen werden immer öfter abgestraft. "Verglichen sowohl mit Staatsanleihen als auch mit Unternehmensanleihen hat die Risikoprämie für Aktien den höchsten Stand seit 2012 erreicht", beobachtet Chauchat. Bezeichnend sei in dieser Hinsicht Japan. Dort hat die Risikoprämie auf Anteilscheine inländischer Unternehmen neue Höchststände erreicht, während die Bank of Japan gleichzeitig massiv Aktien aufgekauft hat. Als Konsequenz seien japanische Aktien jetzt die preiswertesten weltweit, sagt der Anlageprofi.

Weiche Landung für die Wirtschaft
Wie es an den Finanzmärkten weitergeht, entscheidet sich nicht zuletzt an der Geldpolitik. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat eine neue Runde der monetären Lockerung angekündigt und die Federal Reserve wird die Zinsen voraussichtlich bald senken. "Einige Beobachter halten diese Politik für riskant für die zukünftige Finanzstabilität, aber die Zentralbanken sehen das anders", sagt Chauchat. Ihre größte Angst sei die Rückkehr der Deflation, wenn sich die Konjunktur weiter verlangsamt. Sie streben darum nach einer weichen Landung für die Wirtschaft. (fp)