Vor wenigen Monaten feierte Walter Schmitz seinen 80. Geburtstag. Als einer von heute drei Geschäftsführern der im unterfränkischen Miltenberg ansässigen Gesellschaft Prima Fonds Service zählt er mit inzwischen rund sechs Jahrzehnten an Erfahrung im Fondsvertrieb zu den bekanntesten Persönlichkeiten der Branche. Im Gespräch mit FONDS professionell ONLINE erklärt Schmitz, der die einst von ihm selbst gegründete Prima Fonds Service mit seinen Partnern Marco Kantner und Frank Berberich 2019 wieder zurückgekauft hat, weshalb ihm in der jüngeren Zeit insbesondere der persönliche Kontakt zu seinen Vertriebsleuten fehlt.


Herr Schmitz, wie kommuniziert es sich in Zeiten des Lockdowns?

Walter Schmitz: Ich habe immer schon größten Wert auf den persönlichen Kontakt zu meinen Vertriebsleuten gelegt. Die typischen Verkäufertreffen und Beratungsschulungen sind in der früheren Form schon seit längerem nicht möglich. Deshalb waren und sind wir gezwungen, über Online-Konferenzen, Online-Schulungen, aber auch – beinahe wie in grauer Vorzeit – schriftlich den Kontakt zu halten. Prima hat deshalb hohe Marketingbeträge für den Online-Vertrieb bereitgestellt. Dank der jahrzehntelangen Erfahrung, über die meine Mitgesellschafter Marco Kantner und Frank Berberich im Online-Vertrieb verfügen, können wir einen Teil unserer Umsätze durch direktes Online-Geschäft wieder hereinholen.

Aber wie schwierig ist es überhaupt, den Vertrieb in Ihrem Sinne zu motivieren?

Schmitz: Wir setzen auf alle Wege, die zur Motivation möglich sind. Ich bevorzuge wie gesagt die direkte und seit einiger Zeit schriftliche Ansprache meiner Kolleginnen und Kollegen, verbunden mit regelmäßigen Online-Meetings. Selbst wenn dies längst überholt und auch antiquiert erscheinen mag: Gut gemachte Broschüren, die gleichermaßen werbend und aufklärend sowohl für Vertrieb wie auch Anleger sind, haben meiner Meinung nach wieder eine große Bedeutung. Ich glaube, da leistet unsere Gesellschaft als Investmentboutique gute Arbeit. Das Jahr 2020 war immerhin unser bestes Geschäftsjahr mit einer gewaltigen Umsatzsteigerung und, damit verbunden, guten Gewinnen für unser Unternehmen.

Angesichts Corona schon recht erstaunlich!

Schmitz: Das vergangene Jahr hat uns alle sehr belastet. Am schlimmsten habe ich die negative Berichterstattung in den Medien empfunden. Die psychologische Wirkung dieses "Dauerfeuers" zieht die Stimmung bei den Menschen nach unten, verbreitet pure Angst und lähmt letztlich unser Engagement und unsere Initiative.

Wie war Ihre erste Reaktion, als die Aktienmärkte im vergangenen Frühjahr scheinbar ins Bodenlose stürzten?

Schmitz: Der Kursrückgang im Frühjahr war die logische Konsequenz an den Märkten. Gleichwohl müssen wir berücksichtigen, dass das vorangegangene Jahr 2019 mit einem geradezu fantastischen Kursanstieg geendet hatte. Unser Nachhaltigkeitsfonds Prima Global Challenges beispielsweise lieferte in jenem Jahr mehr als 35 Prozent Wertzuwachs. Die überfälligen Gewinnmitnahmen brauchten, wie oft an den Aktienmärkten, nur einen Auslöser. Und das waren die schlechten Corona-Nachrichten. Dem heftigen Kursrückgang folgte ein mindestens genauso starker Anstieg, sodass das Börsenjahr 2020 letztlich ebenfalls mit Gewinnen endete. Wie üblich nahmen Investoren künftige Ereignisse vorweg. Etwa die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs, die Abwahl von Donald Trump, die Normalisierung der wirtschaftlichen Beziehungen zu China und auch die etwas klareren Folgen des Brexits.

Aber machen wir uns da vielleicht auch etwas vor? Ging es mit der Erholung an den weltweiten Aktienmärkten nicht vergleichsweise zu schnell?

Schmitz: Auch wenn es wie eine Plattitüde wirkt, gilt seit jeher: Die Börse ist keine Einbahnstraße. Ich rechne deshalb mit einer durchaus spürbaren Volatilität an den globalen Aktienmärkten im laufenden Jahr.

In den vergangenen sechs Jahrzehnten haben Sie zweifellos schon einiges erlebt. Wie ordnen Sie die Corona und die Folgen für die Aktienmärkte historisch ein?

Schmitz: Ich erinnere ich mich noch sehr gut an den 19. Oktober 1987, den "Schwarzen Montag". An diesem Tag verlor der Dow Jones-Index rund 30 Prozent. Auch der Zerfall des Warschauer Paktes in den Jahren 1989 bis 1991 löste einen Kursverfall von 35 Prozent aus. Hinzu kam die Golfkrise im Jahr 1990. Solche Beispiele ließen sich beinahe endlos fortsetzen. So gab es Ende 1991 bis zum Herbst 1992 den Putsch gegen Gorbatschow, die Russland-Krise sowie den Zerfall der Sowjetunion. Es gab den Krieg in Jugoslawien – und in der Clinton-Ära den Technologie-Boom mit einem überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstum insbesondere in den USA. Von 1995 bis 2000 erlebten wir eine enorme Steigerung der Produktivität und ein anhaltendes Wirtschaftswachstum inmitten des Technologie-Booms. In diesen fünf Jahren legten die Börsenkurse – scheinbar ungebremst – alles in allem fast 400 Prozent zu. Die darauf folgende Zeit inklusive der Terroranschläge in den USA, der Technologiekrise, dem Krieg in Afghanistan, dem Israel-Palästina-Konflikt war mit einem 40-prozentigen Absturz an den Börsen schon sehr belastend.

Wollen Sie damit im Grunde nur sagen, dass die Corona-Krise auch irgendwann überwunden sein wird?

Schmitz: Eher, dass die Börsen in den vergangenen 60 Jahren wiederholt durchgeschüttelt worden sind. Nach meiner Erfahrung sind kurze und heftige Kurseinbrüche zweifellos ein Schock. Lang anhaltende Krisen allerdings sind nur sehr schwer zu ertragen. Deshalb befürchte ich, dass die Corona-Krise so schnell nicht überwunden ist. Insbesondere weil die breite Bevölkerung betroffen ist sowie viele kleine und mittelständische Unternehmen das alles nicht überleben dürften. Empirisch nachgewiesen ist aber auch, dass Aktien und Aktienfonds die höchsten Gewinne abwerfen, aber eben nur langfristig.

Dann würden Sie einem Fondsanleger jetzt, da Aktien vielerorts nahe der historischen Höchststände notieren, noch zum Einstieg raten?

Schmitz: Zweifellos ist es immer besser, wenn man möglichst zum Tiefpunkt in den Aktienmarkt einsteigt. Ich weiß aber auch: Wer in der Baisse keine Aktien hat, hat in der Regel auch während einer Hausse keine. Ich bin bereits vor einem halben Jahr wieder massiv eingestiegen, und es hat sich seitdem gelohnt. Auch wenn ich mit sicherlich erkennbaren Schwankungen an den Aktienmärkten rechne, erwarte ich positive Börsenentwicklungen in der kommenden Zeit.

Mit welcher Begründung?

Schmitz: Für eine positive Entwicklung sprechen gute Gründe: Trump ist Vergangenheit, und seit Bidens Amtsantritt verbessert sich das politische Klima deutlich. Entscheidend ist, dass die Notenbanken unglaubliche Summen zur Beruhigung der Corona-geschwächten Wirtschaft in die Märkte pumpen. Bei der Niedrigzinspolitik, deren Ende ich nicht sehe, wird ein sehr großer Teil in die Aktienmärkte fließen. Ein Blick nach China und in die anderen asiatischen Länder zeigt zudem, dass dort die Wirtschaft wieder sehr gut läuft. Deshalb kommt der Welthandel allmählich in Schwung. Vor allem die Erkenntnis, dass wir unsere Natur schützen und dem Klimawandel etwas entgegensetzen müssen, findet weltweit breite Zustimmung. Auch hier wird es gezwungenermaßen zu Investitionen kommen, die interessante Chancen für Investoren bieten. Genau deshalb liegen wir mit unserem Prima Global Challenges, dem Nachhaltigkeitsfonds, genau richtig im Markt. Und genau deshalb haben wir den Technologie- und Innovationsfonds Prima Zukunft zur Jahresmitte 2020, also in einer recht komplizierten Zeit, aufgelegt. Mit zehn Prozent Gewinn seitdem, nebenbei bemerkt.

Sie sind vor wenigen Monaten 80 geworden. An Ruhestand denken Sie aber offenbar keine Sekunde. Welche Ziele werden Sie in den kommenden fünf Jahren verfolgen?

Schmitz: Auch wenn es seltsam klingen mag: Für mich ist das Investmentgeschäft heute spannender als je zuvor. Es macht mir Spaß, mich mit den unterschiedlichen Anlagethemen zu befassen, mit meinen Kollegen die Ideen und Möglichkeiten zu diskutieren und vor allem – auch heute noch – mit vielen Kunden und Interessenten zu sprechen. Eines habe ich in den vergangenen rund 60 Jahren jedenfalls gelernt: Man kann, auch ohne Profi zu sein, mit normalem Menschenverstand jederzeit gute Kapitalanlagen finden. Und das möchte ich insbesondere gern jungen Menschen nahebringen.

Vielen Dank für das Gespräch. (hh)